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Dem Erfolg des Buches Recht gebend, darf man es ruhig als die Offenbarungsschrift einer ganzen Generation von Frauen definieren. Von Frauen, die aus unerklärlichem Grund und der Emanzipation zum Trotz keine Probleme damit haben, sich in einer Rolle wiederzufinden, die dem weiblichen Geschlecht nicht nur den eigenen Willen, sondern auch Intelligenz abspricht. Damit zeigt sich: „50 Shades of Grey“ ist kein Skandal aufgrund der eindeutig beschriebenen Sex- und BDSM-Praktiken. Das gab es alles schon einmal. Nein, „50 Shades of Grey“ ist ein Skandal aufgrund des tatsächlich an Verkaufszahlen abzulesenden Rückschritts in den Präfeminismus.

Kurz nach halb acht wird das Publikum in Dunkelheit gehüllt. Ein einziger Strahler beleuchtet weiterhin die erotischen Comicbilder im Hintergrund der Bühne. Dann ertönt eine tiefe, männliche Stimme, die sinngemäß erklärt: §1. Mit Betreten des Rottstr 5 Theaters geht das Publikum (im Folgenden „Sub“ genannt) einen Vertrag mit dem Rottstr 5 Theater (im Folgenden „Dom“ genannt) ein. Es folgen einige weitere Paragraphen, welche die Rechte und Pflichten des Sub und des Dom behandeln. Erste Lacher ertönen und man merkt: Dieser Abend könnte großartig werden.

Die Action beginnt, als kurz darauf Nermina Kukic die kleine Bühne betritt. Im Schlepptau hat sie Thomas Kaschel, gekleidet in schwarzem Anzug, weißem Hemd und einer in verschiedenen Graustufen schimmernden Krawatte („Nein, welch‘ ein Zufall!“). Man könnte ihn für die Verkörperung des Romanprotagonisten Christian Grey halten, wären da nicht die schwarzen Latex-Handschuhe, eine Maske, die nur eine Öffnung für den Mund lässt und das Hundehalsband. Sub und Dom in einem also, eine Rolle, die Kaschel ziemlich gut zu verbinden weiß: Als Sub hat er während der gesamten Lesung die Aufgabe, verschiedene Begriffe im Publikum zu verteilen. Auf dessen Zuruf liest Kukic dann eine entsprechende Stelle aus dem Buch, an welchem der Begriff auftaucht, vor.

Fünfzigmal eine Minute aus einem Roman folgen, der sicherlich einige der Anwesenden in den Deutschunterricht und die Unterrichtseinheit „Trivialliteratur und Groschenroman“ zurück katapultiert. Bereits die ersten Sätze lassen erkennen: Mit anspruchsvoller Literatur hat „50 Shades of Grey“ wenig zu tun. Passagen, in denen Anastasia von Christian bestraft wird („Dein Arsch schimmert in den schönsten Farben“), wechseln sich ab mit Szenen, in denen eine gewisse Nahrungsobsession seitens Greys deutlich wird. Die arme Anastasia muss ständig essen, weil „du doch weißt, dass ich es nicht mag, wenn du nicht isst“.

Kukic, die normalerweise in der Welt der nuancierteren Literatur zu Hause ist, steht in krassem Gegensatz zu dem sprachlich und inhaltlich simplen Stück. So verdeutlicht ihre klare Artikulation und die hervorragende Betonung der wörtlichen Rede die größtenteils triviale Syntax. Zwischen Anastasias anhimmelnden Beschreibungen Christian Greys und ihren „explodierenden Orgasmen“ benutzt die Autorin E. L. James – vermutlich sogar unbewusst – „interessante Alliterationen“, wie Kukic einfließen lässt. Dies hebt, mehr als jede Textanalyse, die Anspruchslosigkeit von „50 Shades of Grey“ hervor.

Spätestens bei der Passage, in der Christian von sich behauptet: „Ich habe keinen Sex, ich ficke nur“, ist es um die Contenance des Publikums geschehen. Sogar die durchweg als naiv charakterisierte Anastasia versucht sich ab diesem Moment als Hobby-Psychologin und will ergründen, warum der Mann, dem sie so verfallen ist, solch herrische und brutale Züge besitzt. Im Austausch zu recht hartem Sex entlockt sie ihm schließlich das Geheimnis: Christian Greys Mutter war eine Crack-Hure! Aha, das erklärt natürlich einiges.

Nach gut zwei Stunden, in denen Anastasia regelmäßig verprügelt wird, einen Helikopter-Ausflug erdulden und mindestens fünf Bagels verdrücken musste, steht fest: Skandalös ist dieses Buch nicht wegen der SM-Praktiken und der Darstellung des harten Sexes. Skandalös ist es, weil sich leider tausende Frauen mit einer Romanfigur identifizieren, der jegliche Intelligenz und reflektiertes Denken abgesprochen wird.

Während man aus literarischer Sicht gar nicht erst über Sprachform und Inhalt zu reden braucht, lässt die Sozialpsychologie allerdings einige interessante Einblicke zu, die zum großen Bedauern keinen allzu optimistischen Blick auf unsere Zukunft werfen: Trotz aller Emanzipation träumen offensichtlich immer noch viele Frauen von dem Märchenprinzen, der sie in ein besseres Leben entführt.

Klug und erfolgreich muss frau daher gar nicht mehr sein, hat sie sich erst einmal einen reichen, dominanten Mann geangelt, der dafür sorgt, dass alles so läuft, wie er es will. Damit sind Partnerschaften in der Postmoderne angekommen. Auf vertraglicher Basis werden die Rechte und Pflichten der einander in Liebe Verfallenen geklärt. E. L. James, Autorin von „50 Shades of Grey“, macht dies mit dem Sub-Vertrag, der dann doch tatsächlich überraschen hartnäckig von Anastasia ausgehandelt wird, mehr als deutlich.

Last, but not least, zeigt James‘ Roman erschreckend deutlich, dass, wenn erst genügend Geld im Spiel ist, Bedenken und die eigenen Bedürfnisse über Bord geworfen werden. Dass die Figur „Christian Grey“ im Grunde an einen Psychopathen erinnert, an einen herrischen und unangenehmen Zeitgenossen, den die meisten im Alltag doch tunlichst meiden würden, verblasst vor dem Hintergrund seines Anwesens, seines Vermögens und seines dominanten Auftretens, das mit gesundem Selbstbewusstsein verwechselt wird.

Für solche materiellen Dinge, so scheint es im Roman, würden sich immer noch viele Frauen verkaufen. Das ist der eigentliche Skandal und das Fazit des gelungenen Abends im Rottstr 5 Theater.

-al-