img

http://www.trailer-ruhr.de/paralleluniversen-und-skypekonzerte

Der Stadtteil Hamme ist nicht gerade als der Hotspot Bochums bekannt. Weiter als bis zum Bergbau-Museum kommen die meisten nicht. Die vier Tage des Rundlaufs, ein Kunstfestival, das alljährlich in den Leerständen der Bochumer Speckschweiz ausgerichtet wird, bietet Gelegenheit, die freie Kunstszene und die Ränder Bochums besser kennenzulernen. Zum Beispiel befindet sich hier ein überirdischer Bunker, der Größte im Umkreis. Ein wenig versteckt liegt das bauliche Ungetüm, verdeckt von rankendem Efeu und großen Bäumen. Vor dem Eingang stehen schon ein paar Menschen – ob Besucher, Künstler oder Organisatoren lässt sich nicht beurteilen, tragen doch alle einen umhangartigen Plastiküberwurf und eine mühevoll gestaltete Maske. „Ihr habt euch sicherlich schon gewundert, warum alle hier mit Masken und Plastikumhang herumlaufen,“ erläutert eine junge Frau die Kostümierung. „Keine Angst, euch passiert nichts. Es ist die Absicht des Künstlers, dass alle Besucher am Eingang ihre wahre Identität ablegen und zu gesichts- und namenlosen Aliens werden.“ Der Künstler, das ist „Die Zukunft“, der im Bochumer Hochbunker sein eigenes kleines Paralleluniversum aufgebaut hat.

Je weiter man sich vom Eingang entfernt, desto surrealer wird die Stimmung. Es ist kalt in den dunklen Räumen, der Weg wird nur hier und da von Baustellenlampen beleuchtet. Schmierereien an den Wänden zeugen von der jahrelangen Nutzung als Treffpunkt für Punks, Bands und Jugendliche, die die Räumlichkeiten als Rückzugsort, Proberaum und für Parties nutzten. An den muffig-feuchten Geruch gewöhnt man sich schnell und ein paar Schritte später betritt man eine Art Paralleluniversum. Den verwinkelten Weg säumen immer wieder mit Schwarzlicht- und Neonfarbe bemalte Kartontürme, die an absurde Gebirgsformationen erinnern. Eine Mischung aus Minimal- und Elektro-Musik ertönt aus der großen Halle, die bereits mit leuchtend-maskierten Besuchern gefüllt ist. Auf einer Videoleinwand werden Clips eingespielt, das Maskengesicht aus dem Film „V wie Vendetta“ taucht an einigen Stellen auf. Hinter dem Mischpult hängen bunt-leuchtende Pappformationen von der hohen Decke oder säumen die Wände des Bunkers. Schon nach einigen Minuten übersät Schwarzlicht-Farbe den Raum.

Im Nebenraum ist die Atmosphäre anders. Zwei Lichtsäulen auf der staubigen Bunkererde sorgen für helle Beleuchtung, Björn Neukom wird hier performen. Von seinem Gesicht sieht man allerdings nichts, denn ein großer Tetraeder schmückt den oberen Teil des Körpers des Künstlers. Wie eine Schlange bewegt er sich in die Mitte des Raumes, richtet sich auf und beginnt mit seinen Händen ein Loch in das Tetraeder zu reißen, wo man den Mund vermutet. Doch anstelle von Worten folgt ein Schwall an Negativbändern, wie man sie aus dem Zeitalter der Analogkameras oder alten Filmrollen kennt. Hunderte Meter, so scheint es, ergießen sich aus der Öffnung. Der Abschluss ist eine aus dem Tetraeder-Kopf gezauberte Grünpflanze. Neukom beschreitet mit seiner Performance neue Wege des Nonverbalismus.

Foto4

Weniger abstrakt gestaltet sich der zweite Tag des Rundlaufs. Vor der Darbietung von L‘amut und Nïer steht eine ungeplante Schnitzeljagd, um das Gelände der Alufabrik im verlassen wirkenden Hamme überhaupt zu lokalisieren. Sanfte Gitarrenmusik weist schließlich den Weg, sie dringt aus dem Gebäude. Diesem Klang folgend, gelangt man in einen kleinen Raum, wo L‘amut und Nïer ihre Gitarrenlesung vorstellen. Seit 2013 ist Nïer, junger Berliner Musiker und früherer Bassspieler der Kraut-Psycodelic-Band The Vagabond Stories solo unterwegs. Seine Karriere begann mit dem Song „Coloured Bird“ und der Veröffentlichung seiner ersten EP „River-EP“ im Oktober 2013. Mit Gitarre, Loop-Pedal und ein wenig untergelegtem Sound begleitet er die auf Französisch und auf Deutsch von L’amut vorgetragenen Gedichte.

Danach geht es sportlich weiter. Sabeth Dannenberg, Studentin der Folkwang Universität der Künste, bietet den Zuschauern ein Stück „Physical Theatre“ am Vertikaltuch. Das Ambiente unterstreicht ihre Performance, sie scheint zu Hause und gleichzeitig wie verloren in der riesigen Halle der Alufabrik; während sie mal waagerecht hängt, mal wie ein kleines Äffchen das Tuch hinauf- und hinunterturnt, sich häuslich darin niederlässt, interpretiert sie einen Mix aus Goethes „Iphigenie auf Tauris“ und eigenen Versen. Der Text, einerseits eine Hommage an die Heimat Bochum und andererseits eine Beschreibung der Gefühle einer immerfort Reisenden, ist nach einem Auslandsaufenthalt der Künstlerin entstanden.

Höhepunkt ist aber das fast zweistündige Skypekonzert und Theaterexperiment „Music in the global village“, das die Paradeiser Productions um Musiker Kai Niggemann bieten. Ungewöhnlich ist vor allem die Tatsache, dass eine Live-Schaltung nach Ungarn erfolgt, denn dort sitzt die musikalische zweite Hälfte von Kai Niggemann, Andrea Szigetvári. Das Netzwerk-Konzert fokussiert sich auf die derzeitige politische und gesellschaftliche Lage in Ungarn, die seit 2010, so formuliert es Szigetvári, fast diktatorische Züge angenommen hat. Der Frage folgend, wie man Politik auf die Bühne bringen kann, präsentiert das deutsch-ungarische Duo zunächst ein Set an verschiedenen Grundsounds, die im Laufe der Performance mit Effekten versehen, verzerrt oder rückwärts gespielt werden. Clou an der Geschichte ist die leichte Verzögerung in der Übertragung per Skype, die zu immer neuen und unvorhersehbaren Sounds führt.

In einer anschließenden Diskussion mit dem Publikum bietet sich dann die Möglichkeit, Fragen an Szigetvári zu stellen. Eine seltene Gelegenheit, den Blick auf diesen mitteleuropäischen Staat zu richten, der zwar seit 1999 Mitglied der EU ist, von dessen Innenpolitik in Deutschland aber wenig ankommt. Leider erzählt sie aber nur wenig von Repressalien gegenüber der Presse oder rückläufigen Entwicklungen in die kommunistische Ära. Sie sagt, „people do not care about European freedom“. Somit bleibt der Blick auf das große Ganze, auf die Lage von Künstlern in Ungarn bis hin zu der Einordnung in den Kontext von Politik und Kunst aus, obwohl dies die erklärte Absicht des Netzwerk-Konzerts darstellen sollte.

Die Idee, per Skype neue Wege in der Musikbranche zu gehen, ist genial, gerade heutzutage, wo Grenzen immer mehr verschwimmen und die Vernetzung der Welt zunimmt. Das Verlangen einer Künstlerin, mit ihrer Musik etwas bewirken und verändern zu wollen, bleibt jedoch zu sehr im Hintergrund. Vielleicht fehlt dem Projekt von Paradeiser Productions ein kleiner Schubser in eine Richtung, die es tatsächlich ermöglicht, Politik auf die Bühne zu bringen.

-al-