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Kurdistan ist ein für mich unbekanntes Gebiet. Mit dem PKK-Konflikt und der groben Vorstellung davon, dass die Kurden als größte Minderheit in der Türkei kulturell, sprachlich und politisch bis heute unterdrückt werden, enden meine und die Kenntnisse der meisten Menschen in Deutschland auch schon. Um dieses Wissen zu erweitern lohnte der Weg an die Ruhr-Universität in Bochum, wo vom 30.4.-2.5.2014 das „Kurdische Filmfest“ stattfand. Zum Auftakt wurden die Filme „Ketina ji Bihûştê/ The fall from heaven“ und „Bihuşta Zebeşan/ Watermelon Lands“ gezeigt.

Das HZO 20, wo sonst der studentische Filmclub SKF seine Vorstellungen gibt, war gut gefüllt, obwohl in der Bochumer Innenstadt die „Tanz in den Mai“-Feierlichkeiten lockten. Noch vor dem Film gab es die Gelegenheit, mit Özge zu sprechen, die die Filmtage zusammen mit dem Dachverband der Studierenden aus Kurdistan e.V. (YXK) organisierte. Sie erzählte, dass sich der Verein bereits 1991 gegründet hat und immer wieder Konzerte, Kampagnen oder Filmtage durchführt, um „ein Fenster nach Kurdistan zu öffnen“. Die Begeisterung merkte man ihr an, als sie über die Filmauswahl sprach. Mehrere der gezeigten Filme waren zuvor mit der „Goldenen Orange“, einem wichtigen türkischen FIlmpreis und Äquivalent zum deutschen „Bambi“, ausgezeichnet worden. Ein bestimmtes Motto hatten die Filmtage nicht. Ziel war es vielmehr, die kurdische Geschichte aufzuarbeiten und über die Verhältnisse und das Leben in einem Gebiet aufzuklären, das durch eine strenge Assimilierungspolitik gegenüber der kurdischen Minderheit geprägt ist.

Dieser Aspekt kam in den gezeigten Filmen immer wieder zur Sprache, beispielsweise als die achtjährige Ayse, Hauptprotagonistin in „The fall from heaven“ ihre Familie ermahnt, türkisch zu sprechen. Das hat sie in der Schule gelernt, wo die Lehrerin fast minütlich darauf hinweist, dass „man nichts wird, wenn man kein Türkisch spricht“.

Insgesamt standen in den Filmen vor allem Kinder im Mittelpunkt, ein filmisches Motiv, um brisante politische Themen mit einem teils ironischen, aber immer auch leichtfüßigen Zug zu versehen. Besonders offensichtlich wurde dies in „Watermelon Lands“, in der die siebenjährige Mizgin im Mittelpunkt des Geschehens steht. Sie wächst mit den Geschichten um die äußerst umstrittene Hisbollah auf. Von Israel, den USA und Kanada wird die Hisbollah als Terrororganisation eingestuft. Die Europäische Union stuft hingegen nur die Miliz der Hisbollah als terroristisch ein. Das tragische Moment im Film wird sichtbar, wenn Mizgin beschließt, Selbstmord zu begehen, um in den Himmel zu kommen. Für Mizgin ist es ein friedlicher Ort voller Wassermelonen – ihre Lieblingsspeise. In dem gezeigten Kurzfilm vereinen sich kindlich-naive Vorstellungen auf überraschende Weise mit den radikal-religiösen Ansichten von Selbstmordattentätern, die in der Hoffnung auf ein ewiges Paradies Selbstmord begehen.

Das Ehepaar Karahan und Gülistan Acet, Regisseure von „Watermelon Land“, konnten leider nicht vor Ort sein. Gerne hätte man mehr über die Bedingungen des Drehs, Restriktionen und den Umgang mit derart sensiblen Themen erfahren. Eine kleine Entschädigung war der Auftritt der Band Amargi. Ahmet, Özlem, Ali Kemal, Ilke, Hassan und Ufuk – alle langjährige Mitglieder des YXK Bochum – präsentierten einige wunderschöne, folkloristische, kurdische Lieder, die noch vor dem ersten Film für die richtige Stimmung sorgten.

Fazit der Eröffnungsveranstaltung des kurdischen Filmfests: Abseits von Hollywood, aufwendigen 3D-Produktionen und hochkarätigen Schauspielern gibt es eine erfrischende, kurdische Filmkultur, die nicht mit mahnend erhobenen Zeigefinger daherkommt, sondern sensible Themen in unterhaltsames Kino zu verpacken weiß.

-al-