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Kennt ihr das? Die Geburtstage bei Omma und Oppa, wenn über die verwandtschaft- und freundschaftlichen Beziehungen der letzten 20 Jahre mit Berufsbezeichnung und Partnerschaftsstatus geredet wird? Man hat keinen blassen Schimmer um wen es eigentlich geht, nickt lächelnd und hat Mühe, den Namen die richtigen Lebensumstände zuzuordnen. Aber interessanterweise erscheint vor dem geistigen Auge trotzdem ein Bild dieser Personen. Wenn Kabarettist Richard Rogler loslegt, kommt ein ähnliches Gefühl auf: Friedmann oder auch Herr „gaaaaanz großes Kino“ genannt, Werner „Wernie“ und Friseurmeisterin Beate sind nur einige von Roglers Kneipenkompanie, die ihren Stammsitz in „Gertis kleinem Brauhaus“ in Köln haben und ihm nach allerbester Stammtischmanier die Vorlagen für sein neuestes Kabarett-Programm liefern. Und zu sagen hat der gebürtige Oberfranke viel.

Mit scharfem Blick nimmt er CDU, SPD und die Grünen aufs Korn, analysiert in fast schon beängstigend realistischer Weise die derzeitigen Entwicklungen der deutschen Bundesregierung und kommt zu dem Schluss, dass in Deutschland derzeit eine „Zwar-Aber-Demokratie“ herrscht. Der bekennende Pataphysiker, der glaubt, dass „nicht alles existiert, was wir auch sehen und hören“, sieht in der CDU den „Club deutscher Untergrundkämpfer“ mit Angela Merkel als letztem Racheschachzug Erich Honeckers. Da mutet die Verschwörungstheorie, dass Merkel langsam aber sicher die deutsche Parteienlandschaft unterwandert und den Kommunismus wieder einzuführen beabsichtigt, schon gar nicht mehr so verschwörerisch an. Immerhin habe sie mit der Abschaffung der Wehrpflicht und der Schließung der Kernkraftwerke zentrale Parteipositionen zersetzt, so Rogler. Und auch das „Techtelmechtel zwischen Schavan und Merkel“ sei doch weniger politischer Natur, denn warum wohl sei die Kanzlerin auf einmal für die Homo-Ehe?

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Von Höcksken auf Stöcksken kommt er, zieht quer durch die deutsche Gesellschaft und deckt ihre Ecken und Kanten auf. Da redet er von dem vielgepriesenen Wunsch der Deutschen nach Individualität, obwohl die dann doch wieder an Massenveranstaltungen teilnähmen, und von der katholischen Kirche, die „seit neuestem wieder Zulauf hat, weil die Politik so scheiße ist“. Selbst der Benedikt, auch „gaaaanz großes Kino“, mache ja mittlerweile auf arm. Doch „arm sein muss man sich auch leisten können“.
Gut zwei Stunden tobt und schimpft Rogler auf der Bühne, je schärfer und spitzzüngiger seine Pointen, umso mehr geht das Publikum mit. Und trotz allen Humors, ein bisschen nachdenklich bleibt man am Ende des Abends zurück, denn so wie sich „Gertis kleines Brauhaus“ als roter Faden durch den Abend zieht, so tut es auch die versteckte Aufforderung Roglers, die Dinge mal selbst in die Hand und Verantwortung zu übernehmen, anstatt zu klagen und alles mit sich machen zu lassen. Die Blumenkübel vor Gertis Tür, die mittlerweile als bessere Mülleimer für Kondome, Heroinspritzen und ähnliches dienen, sind dabei das beste Beispiel für den zeternden Kabarettisten, denn, so prophezeit er: „Irgendwann fällt nochmal jemand darüber und überhaupt, wie das aussieht…“.

Rogler begeistert mit pointiertem Kabarett. Er sagt, was endlich mal gesagt werden muss und verflicht dabei auf elegante Weise die Absurditäten des Alltags mit kleinen privaten Anekdoten. Wir sagen „Danke, Herr Rogler“. Gaaaaanz großes Kino.

-al-