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Es ist ein regnerischer Abend, kalt und überhaupt ziemlich ungemütlich. Nicht der beste Zeitpunkt, um sich vor die Tür zu wagen. Doch die Lesung im Café Treibsand hört sich interessant an und zumindest die Fotos bei Facebook versprechen einen Haufen literaturaffiner Menschen. Außerdem wäre es irgendwie eigenartig, in Bochum zu leben, ohne jemals das Café Treibsand besucht zu haben.

Es ist wirklich kalt draußen und Erleichterung macht sich breit, als der Eingangsbereich des Cafés bereits nach einem kleinen Spaziergang auftaucht. Zentral gelegen, aber dennoch so versteckt, dass es als Geheimtipp der Off-Szene in Bochum gehandelt werden darf. Gemütliche Wärme strömt einem entgegen, als sich die Eingangstür öffnet. Alle Tische sind bereits besetzt, leises Gemurmel ist zu hören, die Stimmung ist gut. Um kurz nach sieben Uhr richten sich dann alle Augen auf die freie Fläche, die als Bühne für die Vortragenden hergerichtet wurde.

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Vom „Single Awareness Day“ bis hin zu geschnitzten „Lonely Hearts“ an Birkenstämmen reichen die teils selbstverfassten Texte, die im Publikum für einige Lacher sorgen. Besonders einfühlsam ist die Geschichte der kleinen einsamen Feder, die, nachdem sie lange von Wind und Wellen umher gewirbelt wurde, endlich auf einen ebenso einsamen Menschen trifft. Mit viel Gefühl beschreibt der Autor diese recht eigenwillige Beziehung, die zeigt, dass es manchmal kleine und vielleicht unbedeutende Dinge sind, die einem Mut und Lebensfreude zurückbringen – mehr, als es andere Menschen jemals können. Rasante Wortakrobatik, Gedichte, in denen „Worte zu Fleisch“ werden, ein tawainesisches Gedicht auf Englisch und die Akustikversion eines selbst geschriebenen Songs mit dem Titel „Der Fluss“ sorgen für Abwechslung. Von Langeweile keine Spur. Fast schon politisch wurde es mit einem kleinen Kabarettstückchen das von der Zukunftsvision handelt, die Langzeitarbeitslosigkeit durch die Zwangsrekrutierung von Arbeitslosen zu beenden. Damit entspannte man nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern Deutschland könne seiner Neupositionierung in der Außenpolitik endlich voll und ganz gerecht werden.

Zuhören, so erfahren wir in einem Beitrag zu Beginn der Lesung, ist eine Kunst. Schöner wird es, wenn aus dem reinen Zuhören Begeisterung wird. Literatur vereint nicht nur viele unterschiedliche Facetten in sich, sondern bringt Menschen zusammen und so ist auch das Ende der eigentlichen Lesung erst der Beginn des Abends, denn die Diskussionen enden erst tief in der Nacht.

Dieser Artikel wurde erstmals veröffentlicht unter http://www.trailer-ruhr.de/phantasie-kennt-keine-grenzen

-al-