Wer auswandert, geht mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge – zumindest ich werde das tun. Jahrelang habe ich auf diesen einen Moment gewartet, hingearbeitet, hingefiebert, – der Moment, an dem alle Wenns und Abers endlich in ein festes Umzugsdatum gepresst werden. Diesen Moment hatte ich mir als befreiend vorgestellt, denn endlich würde es in meinem Leben etwas Neues, etwas Aufregendes geben. Ich würde mir meinen Traum erfüllen, bald in dem Land wohnen, in das ich mich vor fünf Jahren so verliebt hatte und in dem ich mich schon lange sehr zu Hause fühlte und, was nicht unwesentlich ist, ich würde natürlich endlich mit meinem Freund ein gemeinsames Leben in Helsinki beginnen. Drei Jahre Fernbeziehung – adé!

Auswandern nach Finnland: Was für eine Schnapsidee

Doch als die Entscheidung fest stand und vor circa einer Woche das Datum gesetzt worden war, kam alles ganz anders. Anstelle von Freude überkamen mich plötzlich Angst und Panik: vor meinem eigenen Mut, vor der Entscheidung, die ich getroffen hatte und auf einmal waren da die quälenden Fragen: Was ist, wenn die Entscheidung, nach Finnland auszuwandern, falsch ist? Was ist, wenn ich in meiner neuen Heimat nicht glücklich werde? Was ist, wenn unsere Beziehung zerbricht, jetzt, wo wir uns bald jeden Tag sehen werden? Überall tauchten mit einem Mal Probleme, Gefahren und Unwägbarkeiten auf; und ja, auch mein schlechtes Gewissen meldete sich zu Wort (es ist auch immer noch nicht wieder verschwunden), denn schließlich, so versucht es mir einzuflüstern, lasse ich vor allen Dingen meine Eltern im Stich. Auswandern nach Finnland? – Was für eine Schnapsidee! In dieser Situation hilft auch kein Argumentieren mit meinem Gewissen. Es ist da und wird wohl auch noch so lange bleiben, bis alle Beteiligten einen guten neuen Weg für die Kommunikation und (spontane) Besuche gefunden haben… Es ist vielleicht die Erkenntnis, die nach und nach in mein Bewusstsein rückt, dass ich Menschen zurücklassen muss und kein Skype oder kein Chat der Welt werden diesen Umstand ändern können. Rational gesehen weiß ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich weiß auch, dass mein Lebensentwurf von keinem anderen abhängen sollte und ich weiß überdies mit großer Sicherheit, dass ich, wenn ich den Schritt jetzt nicht wage, es bereuen werde, wenn ich eines Tages auf mein Leben zurückblicke. Allerdings schützt einen diese Erkenntnis nicht vor dem unguten Gefühl, die bisherige Komfortzone mit allen Vorzügen und dem Wissen über die Feinheiten der deutschen Bürokratie und Kultur zu verlasse; irrigerweise erscheinen in diesem Moment sogar Dinge schön und toll, die bisher eher mittelprächtig bis doof waren.

Auswandern nach Finnland: Was für ein tolles Abenteuer

Die Kunst, so kommt es mir vor, ist es nun, sich schlicht und ergreifend einzugestehen, dass man das Recht hat, traurig zu sein, denn man lässt sein bisheriges Leben, seine Familie und seine Freunde zurück. Auch wenn man höchstpersönlich und ohne Zwang die Entscheidung zur Auswanderung getroffen hat, bedeutet das ja noch lange nicht, dass einem das Leben, das man bisher gelebt hat, nicht gefallen hat. Ich sage mir Folgendes: Es ist absolut notwendig, in diesem Dilemma zwischen Abschied und Neubeginn zu stecken, denn es schärft die Sinne, zeigt einem, was wirklich wichtig ist, gibt einem Antrieb, neue Wege zu suchen und fordert einen täglich heraus, seine Entscheidungen zu überprüfen. Ich wünschte manchmal, es wäre leichter, aber ich merke auch, wie ich daran wachse, wie sich meine Beziehung zu den Menschen in meiner Umgebung und zu den Dingen um mich herum, übrigens zum Positiven verändert. Auswandern nach Finnland? – Was für ein tolles Abenteuer!

Eine meiner liebsten Freundinnen schickte mir vor ein paar Tagen das folgende Gedicht von Hermann Hesse, dass eigentlich alles auf den Punkt bringt:

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!