Nach gut drei Finnisch-Intensivkursen an der Sommeruniversität (kesäyliopisto) hier in Helsinki fühle ich mich ansatzweise im Stande, euch einen kleinen Einblick in die Kuriositäten und die Komplexität der Amtssprache meiner Wahlheimat zu geben.

Zunächst ein paar Fakten: Finnisch gehört zu den finno-ugrischen Sprachen, was bedeutet, dass es entfernt mit dem Ungarischen und Estnischen verwandt ist – diese Sprachen also gemeinsame Wurzeln besitzen. Gleichzeitig unterscheidet es sich erheblich (!) von den indogermanischen Sprachen, die mit drei Milliarden Sprechern zu der größten Sprachfamilie zählt. Finnen und Esten können sich im realen Leben ansatzweise verstehen, wobei bei gleichen und fast gleichen Worten komplett unterschiedliche Bedeutungen zugrunde liegen können – hier ein paar kleine Beispiele:

  • ruumiit (Fin) = die Körper; ruum (Est) = Raum
  • koristella (Fin) = dekorieren, gestalten; koristama (Est) = sauber machen
  • linna (Fin) = Burg (Slang: Gefängnis); linna (Est) = Stadt
  • raiskata (Fin) = vergewaltigen; raisama (Est) = verbringen

Man kann sich vielleicht vorstellen, dass es auf diese Weise zu manchem Unverständnis und zu Missverständnissen kommt. Das Finnische und Ungarische hingegen haben eher weniger miteinander zu tun. Geduldig antwortete mein

4,7 Millionen Menschen in Finnland (und 300 000 Menschen in Schweden) sprechen die finnische Sprache. In Finnland entspricht das etwa 92 % der Bevölkerung. Neben Finnisch ist Schwedisch hier die zweite Amtssprache. Das fand ich tatsächlich auch erst heraus, als ich 2011 das erste Mal in Helsinki lebte und sowohl auf Straßenschildern als auch im Supermarkt, in Einkaufszentren und natürlich offiziellen Ämtern auf die schwedische Sprache und schwedische Erklärungen stieß. Dieser Umstand erleichtert bis heute mein Leben hier, aus zwei Gründen: 1) Für deutsche Muttersprachler ist Schwedisch, ähnlich wie Niederländisch, eine relativ leicht zu verstehende Sprache. Erkenne ich das finnische Wort nicht, fällt mein Blick regelmäßig zunächst auf das schwedische Pendant, aus dem ich dann ableiten kann, was ich zum Beispiel gerade kaufe oder im Restaurant bestelle. 2) Sollte ich irgendwann mit dem Erlernen der finnischen Sprache scheitern, bleibt mir immer noch das Schwedische, um nachzuweisen, dass ich hier in diesem Land überleben und auch am Arbeitsleben teilnehmen kann. Das ist tatsächlich eine Beruhigung für mich! Geben es die Finnen auch nicht gerne zu, sie verstehen und sprechen Schwedisch, denn wie in Deutschland Englisch die erste Fremdsprache ist, ist es hier in Finnland das Schwedische. (Irgendwann werde ich noch über die Hassliebe zwischen Finnland und Schweden berichten 😉 ).

„Finnisch – die haben doch so viele Fälle, oder?“ Einer der ersten Sätze, die Menschen gemeinhin mit der finnischen Sprache in Verbindung bringen. Ich kann euch sagen: Die Fälle sind nicht unbedingt das Schlimmste, auch wenn es 15 an der Zahl sind. Relativ schnell lernt der Schüler aber, dass es alleine sechs verschiedene Fälle der Bewegung gibt, abhängig davon, ob man in etwas hinein/aus etwas heraus kommt oder auf etwas drauf/von etwas herunter steigt. Dabei kommt es darauf an, ob das entsprechende Wort einen Ort beschreibt, der greifbare und gefühlte Wände und Umrandungen hat oder ob es ein Wort ist, das einen, plakativ gesprochen, freiliegenden Ort beschreibt. Die Terrasse zum Beispiel gehört zu Letzterem, da sich diese grundsätzlich im Freien befindet, ein Zimmer gehört zum Fall „in etwas hinein“, besitzt dementsprechend also eine andere Endung. Zudem macht man noch den kleinen, aber feinen Unterschied hinsichtlich der Bewegung und des Sich-schon-Befindens in/auf etwas. Schnell kommt man daher auf sechs Fälle der Bewegung: hinein, drinnen, heraus + hinauf, drauf, herunter. Hier eine kleine anschauliche Beschreibung:

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Viel komplexer allerdings ist der sogenannte Partitiv, der wohl wichtigste Fall in der finnischen Sprache. Er deckt gefühlt alles das ab, was nicht mit Bewegung zu tun hat. Dabei muss der fleißige Finnischlerner entscheiden, ob eine Zahl größer als 1 vor einem Wort steht (=> Partitiv!), ob es sich um etwas handelt, das mit Essen zu tun (=> Partitiv) hat oder ob es einfach nur ein Verb ist, das den Partitiv fordert. Während das Deutsche also beispielsweise nur eine Pluralform kennt, sind mir bisher drei verschiedene Pluralformen für die finnische Sprache begegnet: der Partitiv Singular, der Partitiv Plural und die normale Pluralform. Möchte ich also beispielsweise etwas über „3 Katzen“ schreiben, nutze ich nicht etwa die normale Pluralform, sondern den Partitiv Singular! Wie wunderbar magisch erscheint auch der Stufenwechsel (k-p-t vaihtelu), bei dem sich nach bestimmten Regeln Buchstaben oder Buchstabengruppen verändern bzw. hinzugefügt oder komplett weggelassen werden. Teilweise benötigt man (also ich zumindest) gut ein paar Minuten, um ein einziges Wort in den richtigen Fall zu setzen, den Stufenwechsel anzuwenden und in einen Satz einzubauen. Äußerst frustrierend ist es dann, wenn der geliebte <3-Finne einen verständnislos (oder belustigt) anschaut, auf Englisch fragt, was man denn hatte sagen wollen, alle Wörter (inklusive Aussprache) korrigiert und zum Schluss sagt: „Aber eigentlich kann man das so auch nicht sagen! Besser wäre…“ *grrr* 😂

Als ehemalige Lateinschülerin mit einem sehr guten Großen Latinum, die sich neun Jahre durch die lateinische Grammatik gewühlt hat, behaupte ich jetzt einfach mal: Ich habe ein Verständnis von Sprachen und auch der Grammatik, aber seit gut drei Kursen intensiven Finnischunterrichts hat sich immer häufiger das Wörtchen „HÄ?“ in mein Gehirn geschlichen… So habe ich eine (erweiterbare) Strategie für mich erfunden:

  1. Alles vergessen, was ich jemals an deutscher/lateinischer/englischer/russischer Grammatik gelernt habe!
  2. Die Frage „Warum?“ hat beim Finnisch lernen nichts verloren! Erinnere dich an deine Jahre in der Schule, in denen du mit Kurvendiskussionen und ähnlichem gekämpft hast – frage niemals (!) „Warum“. Es kommen nur mehr Fragen auf 🙂
  3. Folge den Regeln und akzeptiere die Ausnahmen! Die Finnen werden dich beim Sprechen schon verstehen, Fehler gutmütig überhören und dich begeistert loben, wie gut du schon Finnisch sprechen kannst (um dann doch wieder ins Englische übergehen 😉 )
  4. Denke niemals, niemals, niemals daran, dass du auch nach drei intensiven Finnischkursen offiziell immer noch auf dem Sprachniveau A1 (Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen) eingestuft wirst!

In Teil II werde ich euch ein bisschen mehr über den Finnischunterricht, neue Bekannte und großartige Erlebnisse mit der finnischen Sprache berichten.