Irgendwie habe ich anscheinend so einen Hang, Sprachen zu lernen, die grundsätzlich etwas exotischer als Spanisch, Französisch oder Italienisch sind. Das begann schon während des Studiums, als ich mich dank universitärer Freiheit im Zuge des Magisterstudiums dazu entschloss, Russisch zu studieren. Mit knappen 20 Jahren lernte ich also Kyrillisch und die russische Grammatik, kann mich tatsächlich damit vor Ort bis heute einigermaßen verständigen und grub mich erfolgreich durch das bäuerliche Russisch aus dem 19./20. Jahrhundert. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht 😉

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Prigovor Nr. 13 einer bäuerlichen Versammlung vom 13. September 1906. Finnisches Nationalarchiv (Trudoviki-Archiv). Foto: Privat

Die finnische Sprache packte mich dann 2011, als ich das erste Mal für ein halbes Jahr nach Finnland kam, um im finnischen Staatsarchiv und der Slavica, der nationalen Bibliothek von Helsinki zu arbeiten. Als kleiner Einwurf sei hier erwähnt, dass ich ab diesem Zeitpunkt auch begann, meine offen gestandenen rudimentären Englischkenntnisse enorm auszubauen und auf ein recht ansehnlich-fließendes Niveau zu bringen (so viel zu sieben Jahren Englischunterricht auf dem Gymnasium ;)). Die finnische Sprache erschloss sich mir zunächst aus den wichtigsten Worten, die selbst dem größten Sprachenmuffel recht schnell in Fleisch und Blut übergehen: „Kippis“ (Prost), „Hölökynkölökyn“ (Zum Wohl) und „Yks olut, kiitos“ (Ein Bier, bitte). Absoluter Brüller bei den abendlichen Bar-Abenden mit Einheimischen war zudem mein wirklich aller-allererstes Wort, das ich jemals auf Finnisch gelernt hatte und von meinen finnischen Historiker-Freunden stammt: „rynnäkkökivääri“ (das finnische Sturmgewehr). Ihr seht, ich war also bestens vorbereitet, um mein erstes Mal in Finnland mit Anstand zu begehen. Ernsthafter wurde es, als ich eine Art Regel auszumachen meinte (oh, ich Unwissende, siehe den Beitrag Suomen kieli – die finnische Sprache I): Man hänge ein -i an ein Wort und ‚finnische‘ es auf diese Weise einfach ein. Aus Banane wird so banaani, aus Tomate tomaatti und aus Bus bussi. Tatsächlich gibt es mittlerweile viele Worte, die auf diese und ähnliche Weise eingefinnischt wurden, was immer wieder zu großen Erheiterungen meinerseits führt – vieles klingt einfach nur niedlich!

Als nach meinem ersten Finnland-Aufenthalt klar wurde, dass es sich nicht nur um eine vorübergehende Geistesverwirrung meinerseits handelte und ich mir tatsächlich vorstellen konnte (wenn auch bisher ohne zeitlichen Fixpunkt), irgendwann einmal in den hohen Norden auszuwandern, begann ich, mich intensiver mit der Sprache zu beschäftigen. Für ein halbes Jahr nahm ich sogar, mangels anderer Alternativen im Ruhrgebiet, privaten Sprachunterricht und eignete mir auf diese Weise eine solide Sprachbasis an. Auf die konnte ich dann schließlich aufbauen, als ich mich im Mai in Helsinki heimatlich niedergelassen habe und meinem Willen, jetzt endlich richtig Finnisch zu lernen, Taten folgen ließ.

Die Sommeruniversität hatte ich schon in Deutschland als meine ganz persönliche Sprachschule auserkoren und es auch bis heute nicht bereut. Seit gut drei Monaten drücke ich also von Montags bis Donnerstag jeweils vier Stunden die Schulbank, wobei die Lehrräume ziemlich modern eingerichtet sind, – Wlan inklusive-, und das Institut eine eigene Mensa und genügend Platz bietet, um eventuell gemeinsame Lerngruppen zu beherbergen. Meine Mitstudenten kommen aus den verschiedensten Ländern und, wie wir bereits amüsiert feststellen mussten, sind es meist Menschen, die der Liebe wegen nach Finnland ausgewandert sind. Während manche recht schnell nach ihrem Umzug mit der Sprachschule begonnen haben, treffe ich immer wieder auf Studenten, die seit vier, fünf oder sogar zehn Jahren hier in Finnland wohnen, aber erst jetzt die Sprache lernen. Vor allem in der Hauptstadtregion braucht es im Grunde die Landessprache nicht, um zu überleben. Jeder spricht und wechselt auch bereitwillig ins Englische. Man fühlt sich akzeptiert und aufgenommen. Vielleicht ist daher auch die Abbruchrate so hoch? War der erste Kurs mit 25 Mitstudierenden bis zum Ende voll ausgebucht und gut besucht, dünnte sich das Ganze im darauffolgenden Kurs bereits aus. Mittlerweile schafft es unser ‚Jahrgang‘ auf gerade einmal zehn Studenten.

Ab und zu, und das ist vor allem Tagesform abhängig, wende ich mein erlerntes Finnisch bereits auch in der Öffentlichkeit an. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass ich mich dabei noch so anstrengen kann, jeder erkennt sofort, dass ich blutiger Anfänger bin. Wenn ich nicht gerade einen Fehler mache, erkennen die Finnen das spätestens an meiner hochgestochenen Schriftsprache, die ich zurzeit lerne und in krassem Gegensatz zur tatsächlichen gesprochenen Sprache steht. Niemals nie würde ein Finne in der Öffentlichkeit so sprechen wie ich es gerade tue 🙂 Ein finnischer Freund von mir brachte es eines Tages auf den Punkt, als ich mich darüber beschwerte, dass die Finnen sofort ins Englische wechseln, wenn ich mit ihnen versuchte, in ihrer Muttersprache zu sprechen. Er meinte, die meisten Finnen würden denken „Ohhhh, how cute, she tries to spreak Finnish!“, um mich dann voll guter Absichten aus meinem harten Schicksal zu erlösen. Verstehen die denn nicht, dass das absolut frustierend ist!?

Allein der Barkeeper der Bar Ikkuna schien sich bei einem unserer Besuche meiner zu erbarmen – vielleicht auch, weil ihm die hohen Bierpreise peinlich waren und er seinen Kunden ein wenig sozialen Zuspruch zu dem 8-Euro-Bier gönnen wollte 🙂 Auf jeden Fall stand ich eines Tages vor ihm und sah mich vor der riesigen Herausforderungen, drei Bier Nummer IV (nelonen) zu bestellen. Wir erinnern uns, der Fall wechselt, wenn eine Nummer größer als Eins vor einem Wort steht und so war ich am Herumprobieren, was denn nun grammatikalisch richtig sei. Anstatt, wie mehrheitlich hier anzutreffen, einfach drei Biere zu zapfen (denn irgendwo hatte er ja schon verstanden, was ich wollte) und abzukassieren, fing er an, mich (sogar auf Finnisch) auszufragen und mir zu erklären, warum ich diese Endung nehmen musste und nicht eine andere. Wäre Ikkuna nicht da schon meine Lieblingsbar gewesen, wäre sie es spätestens ab dem Zeitpunkt geworden 🙂

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Foto: quickmeme.com/pinterest.com

So mache ich also kleine Schritte, jeden Tag, manchmal geht es besser, manchmal bin ich am Verzweifeln. Größtenteils muss ich selber lachen, wenn mir immer wieder die gleichen Dinge passieren, ich zum Beispiel voll motiviert auf Finnisch einen großen Kaffee bestelle, um dann gleich darauf komplett zu erröten und der Dame hinter dem Tresen auf Englisch zuraune: „Anteksi (Entschuldigung), maybe you can repeat the last sentence in English? I am really sorry“ und die Dame milde lächelnd antwortet: „Do you want the coffee with milk or black?“ Obwohl ich mir hätte denken können, was sie fragt, passiert mir das immer noch recht häufig und ich bin rückblickend meist der felsenfesten Überzeugung, dass ich nicht auch nur ein einziges Wort von dem verstanden habe, was ich gefragt wurde – es hätte genauso gut Chinesisch sein können 🙂

Im Finnischen gibt es das Wort sisu, das so viel wie Ausdauer und Beharrlichkeit bedeutet. Egal also, in welchem körperlichen und geistigen Zustand ein Finne ist – die begonnene Aufgabe wird unter allen Umständen zu Ende gebracht! So sehe ich das auch mit dem Finnischen. Aufgeben gilt nicht!