Ich merke, so langsam komme ich zur Ruhe, die Nachwirkungen des Umzugs sind verschwunden und die neue Wohnung wird immer mehr zu einem Zuhause. Es ist an der Zeit, die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen. Einer der härtesten Momente an dem gesamten Auswanderprojekt war ohne jeden Zweifel die Abschiedsphase. In der ganzen Zeit, in der ich mich mit dem Umzug nach Helsinki beschäftigt habe, habe ich mir immer die Frage gestellt, wie andere den Abschied von der Familie meistern. Größtenteils fand ich Foren, in denen es zusammengefasst hieß „Es ist dein Leben, du musst die Entscheidungen treffen, die dich glücklich machen. Wenn du den Schritt, in ein anderes Land zu gehen, nicht wagst, weil dich andere darum bitten, wirst du es später bereuen.“ Ja, ich stimmte (und stimme) dem uneingeschränkt zu und in gewisser Hinsicht halfen diese Art von Sätzen immer, wenn ich mal wieder am überlegen war, ob ich tatsächlich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Allerdings halfen sie nicht über die Abschiedsphase hinweg und nein, diese Sätze machen es nicht leichter, die Familie und liebe Menschen zurückzulassen.

Auswandern nach Finnland: Die Abschiedsphase

Die Entscheidung, nach Finnland zu ziehen, habe ich mir nicht leicht gemacht. Wochen-, monate-, jahrelang habe ich mit dem Gedanken gespielt, Vor- und Nachteile abgewägt, mich in Auswandererstrategien und Erfahrungsberichte eingelesen, Risiken abgewogen und die Fernbeziehung mit meinem Finnen auf Herz und Nieren geprüft, so gut das während unserer tatsächlichen Zeit des Zusammenseins und der Online-Zeiten eben möglich war. Das Schwierigste für mich, das war mir schnell klar und bereitete mir nicht wenige schlaflose Nächte, war, dass ich meine Familie und meine beste Freundin zurücklassen musste – der dickste und schwerwiegendste Minuspunkt auf meiner Vor- und Nachteile-Liste. So sehr ich das Leben in Finnland wollte, so wenig wollte ich den Moment des Abschieds und die dann eintretende Realität, über 1000 Kilometer von meinen Eltern entfernt zu wohnen. Ich hatte und habe auch immer noch ein enges Verhältnis zu meiner Familie und so sehr ich den Schritt mit dem Umzug ins Ausland wagen wollte – als die Entscheidung feststand, war ich unendlich traurig! Warum konnten wir nicht alle in einem einzigen Land zusammenleben!? Wie oft habe ich mir diese Frage gestellt…

Dazu kam, dass ich den Schritt der Auswanderung zwar mit mir in einem langen Prozess ausgemacht hatte, ich meine Familie aber letztendlich relativ kurzfristig darauf vorbereitete. Auch jetzt noch kann ich nicht wirklich beurteilen, ob das eine gute oder schlechte Strategie war. Der Schock war erst einmal groß und abgesehen von den (verständlicherweise) großen Bedenken, die geäußert wurden, sah ich natürlich, wie schwer es meinen Eltern fiel, mich ziehen zu lassen. Doch meine Eltern wären nicht meine Eltern, wenn sie mich nicht doch absolut unterstützt hätten. Immer wieder habe ich versucht, meinen Schritt zu erklären und je mehr wir redeten, umso sicherer wurde ich, dass ich das Auswandern wagen wollte, während meine Eltern irgendwann zugaben, dass sie meine Entscheidung verstehen würden. Im Nachhinein war diese Abschiedsphase eine unglaublich wichtige Phase – für mich und für meine Familie. Ich bin in dieser Zeit noch einmal unglaublich an mir gewachsen, in meiner Beziehung zu meinen Eltern gewachsen und ich glaube, auch meine Eltern sind an dieser Phase ein weiteres Mal gewachsen. Dem Prozess widerspricht in keinster Weise, dass man doch immer, wenn man mit seinen Eltern zusammen ist, ein Kind bleibt. Nur das Verhältnis ist noch einmal erwachsener geworden. Das ist ein tolles Gefühl und ich bin meinen Eltern unendlich dankbar dafür, dass sie aus mir den Menschen gemacht haben, der ich jetzt bin.

Vor und während des Umzugstages allerdings war dieses Gefühl erst einmal nicht präsent. Gemeinsam mit meinem Bruder und seiner Freundin hatten wir den Umzugstag per Sprinter und Fähre geplant. Mit meinen Eltern hatten wir verabredet, dass wir per Skype in Kontakt sind, so oft es die Verbindung (vor allem mitten auf der Ostsee) gestattet. Der offizielle Abschied hatte bereits am Wochenende vorher stattgefunden, als ich noch einmal nach Hause gefahren war. Mir machte das das Herz ein wenig leichter, auch wenn ich natürlich in meinem Inneren zugeben musste, dass dies ein kleines bisschen „der Abschiedskonfrontation aus dem Weg gehen“ war. Am wenigsten wollte ich an meinem Umzugstag in Tränen aufgelöst sein und mit rot geschwollenen Augen in meine Zukunft fahren. Die Rechnung allerdings hatte ich ohne meine Eltern gemacht. Als ich, voll bepackt mit Kartons, Richtung Sprinter lief, traute ich meinen Augen nicht. Da standen sie, mit selbst gebackenem Kuchen (als Reiseproviant) in der Hand! Ehrlich? Mir schossen die Tränen in die Augen! In dem Moment war es egal, dass Skype das Gefühl vermittelt, sich einander direkt gegenüber zu sitzen, es war egal, dass ich wusste, dass ich nur ungefähr drei Stunden brauche, um von Helsinki aus bei meinem Eltern zu sein – die ganze Angst vor dem Ungewissen, die Angst vor dem Abschied, vor dem neuen Lebensabschnitt, die ganze Anspannung durch den Umzugsstress kamen auf einmal hoch. Ich heulte wie ein Schloßhund! Gleichzeitig war das der ultimative Beweis für mich, dass alles gut werden wird, dass wir die Entfernung managen werden und dass meine Eltern hinter mir stehen. Sie waren gekommen, um Auf Wiedersehen zu sagen. Dieser Moment machte mich, so traurig ich auch war, unendlich froh.

Auswandern nach Finnland: Der Abschied gehört dazu

Wenn man auswandert, gehört das Abschied nehmen dazu, – ist vielleicht einer der größten Teile in diesem ganzen chaotischen Puzzle zwischen Ende und Neubeginn. Einigen mag es leicht fallen, dem Heimatland den Rücken zu kehren, aus welchen Gründen auch immer. Mir persönlich fiel es unheimlich schwer, auch, wenn ich die Entscheidung, nach Finnland gegangen zu sein, nicht bereue. Es gab aber einen lieben Menschen, der mir immer wieder sagte: „Du hast jedes Recht traurig zu sein und zu weinen. Lass dir das nicht verbieten. Es wäre komisch, wenn du es nicht wärst. Man geht immer mit einem weinenden und einem lachenden Auge.“ Jetzt, mit einem bisschen Abstand, bin ich sehr froh, dass ich meine Eltern an dem eigentlichen Umzugstag umarmen konnte, sie da waren und dass ich einem richtigen echten Abschied doch nicht hatte ausweichen können.