Kennt ihr das? Man lebt in einer Stadt, hat so viele Dinge zu tun und vergisst darüber, sich einfach mal die Zeit zu nehmen und ein bisschen Tourist zu spielen. So kann es sein, dass man jahrelang irgendwo wohnt, ohne die nähere Umgebung richtig zu kennen. Bei mir ist das Gefühl noch ausgeprägter, da ich mir bei meinem allerersten langen Finnland-Aufenthalt schon alles Mögliche angeschaut und unternommen hatte. Sightseeing blieb daher bisher zugunsten von vielen anderen Dinge auf der Strecke. Das, so habe ich aber vor kurzem beschlossen, muss sich definitiv ändern – egal, ob mein <3-Finne mitzieht oder nicht 😉

Sightseeing auf Finnisch: Seurasaari

So beschlossen wir also an einem wunderschön-sonnigen Wochenende, einfach mal einen Spaziergang zu machen und zu schauen, wohin es uns verschlägt. Zunächst hatten wir überlegt, uns Munkkiniemi anzuschauen, ein Vorort von Helsinki. Mit einem Park, einem Herrenhaus und einer tollen Landschaft befand ich das als einen guten Anfang für mein Touristen-Sightseeing-Programm. Nun ist es mit uns so: Wir machen einen Plan, bleiben aber selten dabei und entscheiden uns mehrmals spontan um 🙂 Manchmal treffen wir dabei nicht die beste Entscheidung, manchmal aber wird aus der Spontanaktion eine richtig tolle Sache. So auch dieses Mal, als mein <3-Finne, in dem Wissen, dass ich alles Geschichtliche liebe und stundenlang in der Vergangenheit schwelgen kann, vorschlug, doch Seurasaari, die Freilichtmuseum-Insel in Helsinki zu besuchen. Perfekt!

Auf Seurasaari war ich das letzte Mal vor ungefähr fünf Jahren gewesen. Die Insel liegt nordwestlich des Stadtzentrums von Helsinki in der Meeresbucht Seurasaarenselkä. Sie ist mit dem Festland durch eine schmucke weiß gestrichene, über 200 Meter lange Brücke verbunden. Man kann einen schönen Spaziergang vom Zentrum aus zu der Insel unternehmen (was wir taten und Junge, ich bin immer wieder fasziniert von der für mich unschlagbaren Kombination aus Birkenwäldchen, dunkelblauem Himmel und der Sonne, die uns auch an diesem Tag begleitete) oder einfach den Bus 24 vom Hauptbahnhof nehmen, der einen bis fast auf die Insel bringt. Im Sommer gibt es auch die Möglichkeit, die Bootsverbindung von Kauppatori (Marktplatz) aus zu nutzen. Seurasaari beheimatet nicht nur ein Freilichtmuseum, sondern ist mit seiner weitläufigen Parklandschaft und den zwei Badestränden auch ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Städter,- und das seit den 1880er Jahren. Daher stammt übrigens auch der Name Seurasaari, der ins Deutsche übersetzt „Gesellschaftsinsel“ bedeutet. Eines der größten Feste, die dort jährlich gefeiert werden, ist Juhannus (Mittsommerfest). (Video: Youtube.de)

Seit 1909 gibt es auf Seurasaari das Freilichtmuseum, das 87 historische Gebäude vom 17. bis 20 Jahrhundert aus allen Teilen Finnlands umfasst. Unter dem ersten Kurator Axel Olai Henkel wurde das Museum, mit dem schwedischen Skansen in Stockholm als Vorbild, dann ausgebaut. Zwei komplette Bauernhöfe (der Kleinpachthof Niemelä aus Konginkangas und der Hof Antti aus dem westfinnischen Säkylä) können angeschaut werden. Eine Attraktion ist zudem die Holzkirche von Karuna, die Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut und 1912 nach Seurasaari verlegt wurde. Unter anderem findet man auch karelische Bautraditionen vor, ein Pfarrhaus und Bauernhäuser aus den verschiedensten Regionen Finnlands. Die ca. 1790 erbaute Kahiluoto-Villa aus Taivassalo steht ebenfalls auf Seurasaari. Das Hauptgebäude gehörte zunächst Agneta Eleonora de la Myle. In den 1800er Jahren wechselte die Villa mehrmals den Besitzer, bis sie von einem örtlichen Großbauern aufgekauft und 1926 an das Seurasaari-Museum übergeben wurde. Das Gebäude besitzt drei Salons, eine Küche und neun andere Räume. Außerdem finden sich zwei Eingänge an der Frontseite, was für die damalige Zeit eine ungewöhnliche Bauweise darstellte.

Sightseeing auf Finnisch: Erste Geisterbegegnungen?

Während ich also die kleine Zeitreise in die Vergangenheit und das schöne Wetter genoss, erzählte mir mein <3-Finne, dass ich aufmerksam sein solle, wenn wir uns die Kahiluoto-Villa anschauen. Ein Freund von ihm arbeite hier und habe in der Dämmerung des Öfteren ein Gesicht in einem der Fenster der Villa gesehen, obwohl diese für Besucher bereits geschlossen gewesen wäre. Es sei nicht ausgeschlossen, dass es in der Villa wie auch auf der gesamten Insel Geister geben würde – auf meinen skeptisch-amüsierten Blick hin folgte die Frage, ob ich denn beweisen könne, dass es nicht so sei? Hmmm, auch wieder wahr 🙂 Entgegen meines Willens fröstelte es mich ein wenig, die Kahiluoto-Villa erschien trotz Sonne und dunkelblauem Himmel plötzlich etwas schummrig-schaurig und einmal mehr realisierte ich, dass ich jetzt im Norden lebte, wo Geschichten von Trollen, Geistern und Hexen immer noch weit verbreitet sind. Dem werde ich nachgehen, definitiv!

Hier aber erst einmal ein paar Impressionen von unserem sonntäglichen Ausflug und von meinem Besuch im Jahr 2011. Viel Spaß! (Fotos: Privat)