„Lidl hat ‚Deutsche Wochen‘!“ – Was meinem <3-Finnen nur ein zu dem Zeitpunkt halbwegs interessiertes „Ahaaaa“ entlocken konnte, ließ mich auf verwirrende Weise erfreuen wie eine Schneekönigin. Schon vor einigen Wochen hatte ich in den einschlägigen Facebook-Gruppen die wiederholt-ungeduldige Frage gesehen, wann Lidl denn die ‚Deutschen Wochen‘ habe. Schließlich gäbe es dann endlich deutsche Produkte zu erschwinglichen Preisen und auch die Finnen seien den jeweiligen Spezialitäten ja nicht abgeneigt.

Ich muss gestehen, es amüsierte mich zunächst ein wenig – diese Vorfreude auf die ‚Deutschen Wochen‘ und dass dieses Event unter Auswanderern anscheinend ein kleines jährliches Highlight darstellt. So las ich also den Facebook-Beitrag, registrierte, dass die Wochen voller deutscher Spezialitäten immer ungefähr zur Oktoberfest-Zeit stattfinden (aha, es würde also bayerische Spezialitäten geben) und stellte mir selbst umgehend die Bedingung, nicht zum Opfer dieser Marketing-Strategie zu werden. Was kann ich da schon großartig kaufen, was es nicht sonst auch in jedem gut sortierten Laden hier in Helsinki gibt? Und außerdem ärgerte es mich ein wenig, dass alles Deutsche im Ausland grundsätzlich mit Bayern gleichgesetzt wird – als ob jeder in Deutschland Lederhosen und Dirndl tragen würde und nichts anderes als Sauerkraut und Würstchen äße 😉 Nun ja… Anfang letzer Woche erhielt mein <3-Finne dann die aufgeregte Nachricht von mir: „Lidl hat ab Donnerstag ‚Deutsche Wochen‘! Vielleicht gehe ich da mal vorbei.“ Ihr seht, soviel also zu meinem mir gegebenen Versprechen, dem ‚deutsche Produkte‘-Hype im Ausland nicht auch zu verfallen.

Alltag in Finnland: Deutsche Wochen bei Lidl

Tatsächlich ein wenig aufgeregt blätterte ich in der PDF-Datei auf Lidl.fi und ja, ich fotografierte sogar das Prospekt ab, um meiner Familie in Deutschland per Whats-App die großartigen Neuigkeiten über die Spezialitäten-Woche mitzuteilen. Herrje, wie peinlich, aber irgendwie…! Vergesst, dass ich mich über die aufgeregte Ungeduld anderer deutscher Auswanderer ob der ‚Deutschen Wochen‘ amüsiert hatte – ich musste zu Lidl und all die deutschen/bayerischen Spezialitäten inspizieren, die das Prospekt anbot – und am liebsten wäre ich sofort losgezogen. Meine Idee? Passenderweise spielte der 1. FC Köln an dem Samstag nach meiner grandiosen Entdeckung der ‚Deutschen Wochen‘ gegen den FC Bayern München – einen perfekteren Tag, um die deutsche Bundesliga mit deutschen Spezialitäten und einem guten Glas Weißbier zu genießen, gab es ja wohl kaum! Ich informierte also meinen <3-Finnen über unseren bavarialainen päivä (bayerischen Tag), der am Samstag stattfinden sollte, und begann umgehend mit der Planung.

Endlich! Es war Freitagnachmittag und wir machten uns auf den Weg ins benachbarte Malmi, wo es ein großes Einkaufszentrum mit einer Lidl-Filiale gibt. Insgeheim war ich schon ganz hibbelig und voller Befürchtung, dass alle Produkte bereits ausverkauft wären. Es waren seit meiner Entdeckung schließlich Tage vergangen! Als wir endlich den Lidl-Eingang passierten, stellte sich dann doch erst einmal ein wenig Ernüchterung bei mir ein. Wo waren die deutschen (oder wenigstens blau-weißen) Fähnchen, die den Laden schmückten und waren in den Prospekten nicht doch viel mehr Produkte angeboten worden? Realität traf hier eindeutig auf meine reiche Vorstellungsgabe, die sich über die Tage voller Vorfreude aufgebaut hatte. So standen mein <3-Finne und ich also vor der mini-kleinen ‚deutschen‘ Ecke im Kühlregal und betrachteten die Angebote. Man muss dazu sagen, wir sind Vegetarier und somit schied ein Großteil der Produkte für uns ohnehin aus: Weißwürste, Schinken und Salami gab es en masse und ließ das Herz eines jeden Nicht-Vegetariers höher schlagen. Als Ersatz dienten uns hier unsere Veggie-Würstchen, die übrigens überraschend gut schmecken und in keiner Weise an vermeintlich trockene Pappe erinnern. Von den Produkten, die auch für Vegetarier geeignet waren, landeten schließlich ein Paket Kartoffelknödel (die wirklich schrecklich schmeckten und an Kaugummi erinnerten!), ein Paket Kartoffelsalat, mit Essig angemacht (der eigentlich ganz ok war) und ein Glas süßer Senf (der genauso schmeckte, wie er schmecken sollte) in unserem Einkaufswagen. Hinzu kamen dann noch zwei Brezeln (die man übrigens immer bei Lidl kaufen kann 😉 ), ein Streuselkuchen mit Kirschfüllung (man gönnt sich ja sonst nichts) und zwei Paulaner Weißbier-Flaschen. Ein bisschen enttäuscht, dass es keinen Obazda gab, entschied ich mich spontan dazu, den Käseaufstrich selber herzustellen. Also kamen auch noch ein Brie (Camembert habe ich in Finnland bisher noch nicht entdeckt) und ein Philadelphia-Käse zu unseren Einkäufen hinzu.

Alltag in Finnland: Wo Bayern, Köln und Helsinki aufeinander treffen

Das Schöne an meinem <3-Finnen ist ja, dass er allen Blödsinn mitmacht und so sah unser bavarialainen päivä dann im Endeffekt aus – bayerischer Schnauzer inklusive 🙂 (Fotos: Privat)

Nach einem guten halben Jahr, das ich nun in Finnland wohne, und nach meiner ersten ‚Deutschen Woche‘ bei Lidl beginne ich zu verstehen, dass derartige Events zu den kleinen Highlights im Leben von Auswanderern gehören. Man freut sich unbändig darüber, etwas Vertrautes kaufen zu können, ein Stück Heimat zu zelebrieren, selbst wenn die ‚Deutschen Wochen‘ eigentlich ‚Bayerische Wochen‘ heißen sollten und ich in Deutschland wirklich niemals auf die Idee gekommen wäre, einen bayerischen Tag zu feiern – einfach so, ohne Grund. Für mich war unser bavarialainen päivä etwas Besonderes. Bahnt sich hier womöglich gar eine erste bi-nationale Beziehungstradition an…?