Die Umzugsplanung war soweit abgeschlossen und der große Tag, an dem ich in mein neues Leben aufbrechen würde, rückte näher und näher. Wahnsinn, wie viel man schaffen kann, wenn man unüberwindbare Deadlines hat 🙂 Von früh morgens bis zum späten Nachmittag begann ich also tagtäglich, Regale und Schränke zu leeren, auszumisten und Umzugsgut in Kisten zu verpacken. Anschließend setzte ich mich noch bis Mitternacht an den Schreibtisch und schrieb wie eine Verrückte an meiner Dissertation, denn: Der Text sollte stehen, wenn ich Deutschland verlasse! Das war eine Bedingung, die ich mir gestellt hatte. Die unfertige Doktorarbeit wie ein Damoklesschwert über mir schweben zu haben… das hätte mich wohl gänzlich um den Schlaf gebracht.

Auswandern nach Finnland: Der Umzugsmorgen

So waren die Wochen vor meinem Umzug die tatsächlich produktivsten seit langer Zeit. Zwischen Packen und Dissertation kam dann auch immer wieder meine Vermieterin mit potentiellen Nachmietern „zu Besuch“, die sich die Wohnung anschauen wollten. Gefühlt waren das an die 20 Leute, die innerhalb weniger Wochen durch meine Wohnung marschierten, Fragen stellten und verwundert die Augenbrauen hochzogen, als ich erzählte, ich würde nach Finnland ziehen 🙂 In regelmäßigen Abständen kamen dann folgende Aussagen und Fragen: „Finnland, ach, da wollte ich auch immer mal hin. Ist es da nicht immer kalt und voller Schnee?/Ist es da nicht so teuer?“ Öhhmm…. weiter unten in diesem Artikel findet ihr zumindest erstmal eine bildliche Antwort auf die Schneefrage 😉 Die regelmäßigen Besuche der potentiellen Nachmieter war im Endeffekt auch gar nicht so schlecht, war ich doch dadurch ein wenig unter Zugzwang, nicht alles chaotisch einzupacken, sondern nach und nach systematisch vorzugehen. Ich schaffte es sogar, die einzelnen Kartons ordentlich zu beschriften und zu ordnen. Für den Umzugstag selber hatte ich noch zwei weitere Helfer bestellt, die außer meinem Bruder und seiner Freundin anwesend sein würden und vor allem die schweren und sperrigen Teile wie mein wunderbares Ikea-Sofa (das wirklich bequem, aber abscheulich sperrig ist) das Treppenhaus hinunterzutragen. Spannenderweise stellten sich die Umzugshelfer zwar als sehr willig heraus, allerdings sprachen sie weder Englisch noch Deutsch, noch hatten sie anscheinend auch nur die leiseste Ahnung davon, wie man platzsparend einen Umzugswagen befüllt. Direkt nach Betreten meiner Wohnung griffen sie sich das erstbeste Teil, dessen sie habhaft werden konnten, und noch bevor ich weitere Erklärungen abgeben konnte, trugen sie es in einer rasenden Geschwindigkeit in den Wagen. Meine schöne Planung, die ich den guten Herren ja zudem aufgrund fehlender sprachlicher Kompetenz nicht mitteilen konnte, ging damit den Bach hinunter: Bücherkartons wurden auf Geschirrkartons und Spiegel gestapelt, das unhandliche Ikea-Sofa lag irgendwann kreuz und quer über Spiegel, Geschirr und Bücher. Ganz ehrlich? An dem Umzugsmorgen war ich nervlich komplett am Ende 🙂

Irgendwann sah ich, wie die Freundin meines Bruders die Koordination übernommen hatte. Glücklicherweise (mehr oder weniger) hatte sich nämlich herausgestellt, dass die beiden Umzugsherren gebrochenes Französisch sprachen, was die Freundin meines Bruders heldenhaft zum Anlass nahm, ihre Französischkenntnisse hervorzuholen. Bewaffnet mit einem Online-Übersetzer für etwaiges spezifisches Umzugsvokabular stand sie alsbald auf der Laderampe des Sprinters und wies die Herren an, doch ein wenig Ordnung in dem Laderaum des Wagens zu schaffen. Am Ende waren wir nicht sicher, ob wirklich alles heile in Finnland ankommen würde, doch der Großteil schien wenigstens sicher und geschützt zu stehen.

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Eine super Idee: Das Bücherregal als vorübergehende Vorratskammer. Foto: Privat

Nach dem Abschied, über den ich bereits in dem Beitrag Auswandern nach Finnland: Zeit für einen Rückblick geschrieben hatte, ging es also endlich los. Wir hatten überlegt, für die 29-stündige Fährüberfahrt eine Art Picknick zu planen. Zum einen fand ich die Menüpreise für die Strecke Travemünde-Helsinki ziemlich atemberaubend, zum anderen hatten wir uns überlegt, dass doch nichts über mitgebrachten Proviant geht, der im Idealfall sogar auf dem Deck der Fähre in tollem Sonnenschein genossen werden könnte. So führte uns unser erster Streckenabschnitt in den nahe gelegenen Supermarkt, wo wir uns zusätzlich zu ausreichenden selbstgemachten Salaten, Broten, Süßigkeiten (und dem wunderbar selbst gebackenen Nusskuchen meiner Mama) auch noch mit einigen bierhaltigen Getränken ausstatteten. Schließlich warteten in Finnland mein <3-Finne und die Vappu-Feierlichkeiten am 1. Mai auf uns. Dann aber ging es gegen Mittag endlich auf nach Travemünde.

Wir hatten extra großzügig viel Zeit eingeplant, um mehrere Pausen einzulegen und zwischendurch noch einen Happen zu essen. Das, der Stau um Hamburg und das wirklich schlechte Wetter, das die Autobahnfahrt nervenaufreibend werden ließ, konnten uns aber nicht davon abhalten, noch weit vor der Check-In-Zeit um 21 Uhr in Travemünde anzukommen. Ab dem Zeitpunkt hieß es: Warten, warten, warten! Da wir alle drei keine Erfahrung mit der Kombination Fähre und Auto besaßen, hatten wir auf Nummer sicher gehen wollen. Besser zu früh da sein, als zu spät!

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Willkommen am Travemündener Hafen. Foto: Privat

Irgendwann, ich glaube sogar ein bisschen vor 21 Uhr, ging es dann doch endlich los. Wie froh waren wir, denn wir kamen unserem Ziel, – Kabine und Bett -, immer näher. Der Tag fing nämlich so langsam an, seine Spuren zu hinterlassen. Richtig geschlafen hatte keiner von uns in der Nacht davor, der Umzugsmorgen stellte sich trotz guter Organisation als pures Chaos heraus, auf der Fahrt nach Travemünde regnete es ununterbrochen und das Warten ließ die Müdigkeit im Sekundentakt größer werden. Während der Check-In problemlos verlief, mussten wir allerdings schnell feststellen, dass wir nicht, wie angenommen, direkt auf die Fähre geleitet wurden, sondern uns neben die lange Reihe an Wohnwagen einreihen mussten. Oh nein! Immerhin, wir waren die ersten in unserer Reihe (was die Sache aber nicht entspannter werden ließ, denn: Wo mussten wir herfahren? Wie würde das Parken auf der Fähre funktionieren? Und überhaupt… es regnete wieder, es war kalt und mittlerweile auch dunkel). Uns wurde immer klarer, dass wir vermutlich recht lange hier stehen würden, denn erstmal bewegte sich gar nichts. Dann irgendwann fiel uns auf, dass immer mehr LKW Richtung Fähre fuhren – aha, die Verladung hatte also schon begonnen. Eine zeitlang beobachteten wir das Spektakel, bis auch das zu langweilig wurde. Die Abstände zwischen dem „draußen ein bisschen die Beine vertreten“ und „im Warmen sitzen“ wurden kleiner und so viel wir auch suchten – in diesem Teil des Hafen gab es weder einen Kiosk, noch einen ähnlich anmutenden Zeitvertreib, wobei wir ja auch gar nicht wussten, wie lange wir dort noch stehen würden. Die Sprinterkabine schien übrigens um uns herum zu schrumpfen. Drei Erwachsene, zusammengefercht in einem winzigen Fahrerhäuschen – das zerrt an den Nerven. Nach einer gefühlten Ewigkeit bewegten sich endlich die PKW neben uns… Das konnte doch nicht wahr sein! So, wie es aussah, wurden Wohnwagen und Spinter zuletzt auf die Fähre gelassen. Es hieß also: Weiter warten. Die Fähre sollte um 3 Uhr morgens losfahren. Mittlerweile war es Mitternacht (und wir überlegten mit der Zeit ernsthaft, ob wir wirklich alles richtig verstanden, uns richtig eingeordnet hatten und an der richtigen Fähre warteten…) An dieser Stelle mein guter Rat: Nehmt euch ein Buch, einen Film, etwas zu Stricken oder das mit, was euch hilft, am besten die Zeit zu vergessen. Denkt auch daran, etwas Warmes zum Anziehen einzupacken, selbst, wenn es Sommer ist. Durch die Müdigkeit und das „unterwegs etwas Essen“, die lange Fahrt und gegebenenfalls den Wegfall des Umzugsstresses reagiert der Körper extrem empfindlich, was durch das Warten irgendwie minütlich schlimmer wird 🙂

Auswandern nach Finnland: Die Finnlady

Ich glaube, es war kurz nach Mitternacht, als wir dann endlich auf die Fähre durften. Wider Erwarten ging das wirklich fix und innerhalb weniger Minuten hatten wir den Sprinter dank professioneller Einweisung geparkt. Schnell packten wir unsere Taschen und den Proviant für die Überfahrt zusammen. Während wir auf der Ostsee schipperten, würde es nämlich nicht gestattet sein, zu den Fahrzeugen zu gehen. So richtig glauben konnte ich es nicht, als wir endlich in unserer Kabine ankamen und das erste Mal an diesem Tag zur Ruhe kamen. Alles war komplett surreal und dass ich den Schritt ins Ausland mit allem Drum und Dran tatsächlich gewagt hatte, sollte auch erst viele Wochen später tatsächlich bei mir ankommen.

Unsere Fähre hieß Finnlady und war nichts Außergewöhnliches, aber sie war sauber und ruhig. An Passagieren waren vor allem die LKW-Fahrer an Bord. Reine Urlauber, so nahmen wir aufgrund der Fahrzeuge (Wohnwagen und PKW) an, waren kaum an Bord. Überhaupt schienen die meisten Leute die Überfahrt in ihren Kabinen zu verbringen. In den ganzen 29 Stunden sahen wir den Großteil an Mitpassagieren erst, als wir in den Hafen von Helsinki einfuhren. Bei einer Kabinengröße von vielleicht 12 Quadratmetern fand ich das schon stark. Die Finnlady besaß eine winzig kleine Bar, an der man morgens Kaffee und den ganzen Tag über auch alkoholische Getränke zu moderaten Preisen kaufen konnte. Der Kaffee war übrigens richtig gut und heiß 🙂 Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die Finnlines-Fähren auf dieser Strecke vor allem für den Transport von Waren genutzt werden. Die Finnlady und ihre Schwesterschiffe sind keine Kreuzfahrtschiffe im eigentlichen Sinn. Von daher empfiehlt es sich auch hier, ein Buch, Musik oder eine sonstige Beschäftigung zu Hand zu haben, um die 29 Stunden auf der Fähre gut zu überbrücken. Was allerdings richtig toll war: Im Preis inbegriffen war die Nutzung der Sauna und des Pools auf der Fähre. Zunächst war ich wenig überzeugt, erwartete ich doch, – keine Ahnung wieso -, einen nicht mehr ganz so taufrischen Nasszellenbereich. Doch ha! Weit gefehlt. Als wir die entsprechenden Räumlichkeiten inspizierten, war ich wirklich positiv überrascht. Es gab, wie es sich für finnische Verhältnisse gehört, getrennte Saunen für Männer und Frauen. Alles war sehr sauber und ordentlich und lud zum sofortigen Entspannen ein.

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie göttlich der Moment war, als wir die erste Kelle mit Wasser auf den Saunaofen kippten: Es wurde herrlich warm, alles war ruhig, das Licht war ein wenig gedämpft und man spürte das leichte Schaukeln der Fähre. Mein Highlight? Eindeutig die Vorstellung, in einer Sauna mitten auf der Ostsee zu sitzen 🙂

Zum Abschluss jetzt noch ein paar Fotos von der Fähre und der Ankunft in Helsinki-Vuosaari. Während wir in Travemünde wirklich bescheidenes Wetter gehabt hatten, konnten wir uns am nächsten Tag ab der Mittagszeit, wenn auch mit dickem Pullover ausgestattet, sonnen! Die Ankunft in Helsinki? Dunkelblauer Himmel, Sonne und ein laues Lüftchen. Damit ist die eingangs gestellte Frage nach dem ewigen Winter im hohen Norden hoffentlich zunächst beantwortet 😉 (Fotos: Privat)