Als EU-Bürger(in) hat man es grundsätzlich leicht, auszuwandern. Das seit 2005 bestehende Freizügigkeitsgesetz regelt die Zuwanderung innerhalb Europas:

Unionsbürger haben in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union ein Recht auf Freizügigkeit, also auf Ausreise aus ihrem Herkunftsmitgliedstaat und auf Einreise und Aufenthalt im Aufnahmemitgliedstaat, wenn sie im Aufnahmemitgliedstaat als Arbeitnehmer oder Selbstständige im Wirtschaftsleben erwerbstätig oder auf Arbeitssuche sind. Andere – nicht erwerbstätige – Unionsbürger haben dieses Recht, wenn sie im Aufnahmemitgliedstaat über ausreichende Existenzmittel und ausreichenden Krankenversicherungsschutz verfügen. Das Gleiche gilt für die Familienangehörigen, die den Unionsbürger begleiten oder zu ihm nachziehen. Für eine Einreise und einen Aufenthalt bis zu drei Monaten sind jedoch nur ein Personalausweis oder Reisepass erforderlich (§§ 2, 3 FreizügG/EU).

Nachdem wir die Fährüberfahrt von Travemünde nach Helsinki gut überstanden hatten, konnte ich also erst einmal ein wenig zur Ruhe kommen. Immerhin hatte ich jetzt drei Monate Zeit, mich offiziell in Finnland zu registrieren. Sollte ich innerhalb dieser Zeit noch einmal nach Deutschland fliegen, würden die drei Monate wieder von vorne beginnen. So hieß es für mich zunächst: Kisten auspacken, die Single-Wohnung meines <3-Finnen vergemütlichen und einen Haushalt unterzubringen, der vormals auf 56 Quadratmetern verteilt war 🙂 Ich bin immer noch dankbar für den zusätzlichen großen Kellerraum, der zu unserer Wohnung gehört und mittlerweile aus allen Nähten platzt…

Doch schon nach gut eineinhalb Monaten merkte ich, dass ich ohne die magische Identifikationsnummer nicht wirklich weit kam. Ich blieb quasi Tourist und die Kosten für matkakortti (Monatskarte für Bus und Bahn) und Co. fielen so langsam ins Gewicht, wenn man wusste, dass man Vieles für viel weniger Geld haben könnte, wenn man nur den entsprechenden Nachweis hat. Von daher fand ich, dass es nun an der Zeit sei, sich endlich offiziell in Finnland anzumelden. Außerdem fühlte es sich komisch an, irgendwo zwischen den Staaten zu leben. Meine Wohnung in Bochum hatte ich ja offiziell gekündigt und die Wohnung in Finnland konnte ich erst offiziell beziehen, wenn ich die Identifikationsnummer besäße. Bis zu dem Zeitpunkt war ich immer noch unsicher, zu welcher Behörde ich zuerst gehen sollte/musste. Die entsprechenden Infoseiten im Netz waren da wenig eindeutig. Ich wusste, ich musste zur poliisi (Update 2017: Seit diesem Jahr erfolgt die komplette Anmeldung über den Finnischen Immigrationsdienst) und zum maistraatti (Einwohnermeldeamt), aber welche Behörde sollte man zuerst besuchen? Oder war das etwa egal? Irgendwann erbarmte sich mein <3-Finne und meinte wie selbstverständlich quasi nebenbei: „Wir machen das heute Abend zusammen online bei der Polizei!“ – Ahaaa, wie online? Muss man nicht persönlich bei der Behörde erscheinen? Seine Dokumente vorlegen und erst dann wird der Prozess angestoßen? „Ach kulta, wir sind hier in Finnland. Das geht alles online. Du musst nur einmal da hin, um deinen Personalausweis vorzuzeigen, damit die das abschließend bearbeiten können,“ bemerkte mein <3-Finne ein wenig mitleidig und ich war aufgeregt: Mein allererster Kontakt mit den finnischen Behörden lief also online (mit der Zeit sollte ich feststellen, dass dieser Online-Service zwar praktisch ist, aber vor allem dann nervt, wenn man ein Anliegen ein wenig abseits der Norm hat).

Auswandern nach Finnland: Die finnische poliisi

Abends saßen wir dann also zusammen, ausgebreitet vor uns mein Personalausweis, mein Reisepass, meine monatlichen Gehaltsabrechnungen, mein Arbeitsvertrag und die Bankkarte meines <3-Finnen. Letzteres benötigten wir, um uns bei dem e-Service der Polizei einzuloggen. Hier sollte ich darauf aufmerksam machen, dass man nur Kunde einer finnischen Bank werden kann, wenn man die Identifikationsnummer schon besitzt und offiziell bei der Polizei angemeldet ist. Ohne meinen <3-Finnen hätte ich also doch persönlich zur Polizeidienststelle gehen müssen, um die Anmeldung in Gang zu setzen – ich wusste es ja 😉 Zusammen füllten wir also das EU-Registrierungsformular aus, das, wie auch die gesamte Homepage der finnischen poliisi, in Englisch gehalten war. Ein klitzekleines bisschen romantisch wurde es dann bei der Frage, aus welchem Grund ich hier in Finnland leben wollte. Geltend machen konnte man entweder einen Job bei einer finnischen Firma oder Familienbande. Während ich noch überlegte, weil ja das erste definitiv nicht zu traf und sich der zweite Grund für mich eher nach Familie und/oder einem echten Ehepartner (was wir ja (noch) nicht sind) anhörte, machte mein <3-Finne kurzen Prozess und meinte: „Schreib, dass du mit deinem finnischen Verlobten zusammenziehst!“ Öööhm, diesen Moment hatte ich mir ja schon ein bisschen romantischer vorgestellt 😉 Aber mal ernsthaft: Eigentlich wollte ich DAS ja genau nicht. Ich war schließlich aus freien Stücken hier und nicht nur wegen meines <3-Finnen! Aber ehrlich gesagt? Mir fielen zwar eine Menge Gründe ein, warum ich hier in Finnland wohnen wollte, aber die schöne Natur, das Meer und die entspannten Leute hier würde die finnische Polizei wohl kaum gelten lassen, mich hier zu registrieren. Da musste schon etwas Handfesteres her. Gesagt, getan: Ich war also hier, um endlich mit meinem finnische Verlobten zusammen zu leben und unser gemeinsames Leben zu gestalten. Um ganz sicher zu gehen, trugen wir auch noch das Einkommen meines plötzlichen Verlobten ein. Während ich noch ein wenig zweifelte und so meine Bedenken hatte, die eigentlich doch sehr intimen Details unserer Beziehung einer Behörde preis zu geben (DAS sollte die doch wirklich erst dann interessieren, wenn wir wirklich irgendwann mal heiraten und den Status beim maistraatti ändern lassen, oder nicht?), nickte mein <3-Finne zufrieden: „Ja, so schicken wir das ab.“ Ich, fasziniert und verwundert, ob die persönliche Beziehungsgeschichte die Polizei dazu bewegen würde, mich tatsächlich offiziell in Finnland zu registrieren, scannte also alle Dokumente ein, lud sie hoch und schickte sie zusammen mit dem Registrierungsformular ab. Kurz darauf bekam ich die Zugangsdaten für den e-Service der Polizei zugesandt, über die ich meinen Status der Registrierung abrufen konnte. Erst, wenn dort die Meldung erschien, dass mein Anliegen in Bearbeitung ist, müsste ich kurz zur Polizeidienststelle meines Bezirks und dort meinen Personalausweis vorlegen. Der erste Schritt als offizielle finnische Deutsche war also getan 🙂

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Die Hauptpolizeitstation in Pasila. Foto: http://static.iltalehti.fi/uutiset/etu_pasila_uu.jpg

Es vergingen einige Wochen, in denen sich auf den Seiten des e-Service der Polizei nichts tat. Ich war schon ganz hibbelig und checkte quasi täglich den Status der Bearbeitung. Mittlerweile hatte ich (natürlich online) einen Besuchstermin bei der Polizei vereinbart, um dann meinen Personalausweis vorlegen zu können. Eine nette Idee, allerdings schien die Polizei zu dem Zeitpunkt recht viel zu tun zu haben, sodass mein Besuchstermin erst für Ende September angesetzt war – so lange wollte ich auf gar keinen Fall warten! Also entschied ich, zu der offen Sprechstunde für EU-Bürger zu gehen, die in Pasila jeweils Freitags zwischen 12 Uhr und 16 Uhr stattfindet. „Sei am besten schon eine halbe Stunde früher da,“ empfahl mir mein <3-Finne. Sonst müsste ich nämlich mit empfindlichen Wartezeiten rechnen (nicht, dass ich ja sowieso schon geplant hatte, früh vor Ort zu sein, denn man weiß ja nie, was so passiert – ich bin eben doch ein kleiner Sicherheitsfanatiker ;)).

Dann irgendwann, es war glaube ich Ende Juli, sprang der Status im e-Service der Polizei endlich auf „in Bearbeitung“. Nix wie hin zu Polizei, ausgerüstet mit meinem Personalausweis, dem Reisepass meines <3-Finnen und meinem Arbeitsvertrag  – nicht, dass wir das alles schon eingescannt und mit abgegeben hatten, aber ihr wisst ja, sicher ist sicher. Angekommen auf der Polizeistation war ich tatsächlich die Zweite, die als „Kunde aus einem EU-Land“ eine Nummer ziehen konnte, obwohl ich sogar fast eine Stunde früher da war. Mein Pech, dass ich nicht gleich den richtigen Eingang gefunden hatte und ein wenig hilflos umher geirrt war, bis ich einen recht brummigen Polizisten ansprach, der auf das Nebengebäude deutete und sagte: „Go there!“ Sonst wäre ich nämlich doch Erste gewesen 😉

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Hier werden die Anliegen der Kunden im persönlichen Gespräch mit einem Mitarbeiter der Polizei bearbeitet. Foto: http://www.vallarinpuusepanliike.fi/site/assets/files/1300/thumbnail_pp3.jpg

Nach gut einer Stunde zusätzlicher Wartezeit war ich endlich an der Reihe und dann ging alles irgendwie sehr schnell. Mein Arbeitsvertrag wurde, genau wie unsere Pässe ein weiteres Mal kopiert (tja, gut, dass ich sie eingepackt hatte) und der junge Sachbearbeiter erklärte mir, dass sie zusätzlich noch einen Nachweis der Einzahlung des Gehalts auf mein Konto benötigten. Das könne ich aber ohne Probleme in dem e-Service im Internet machen und zum maistraatti solle ich jetzt auch erst gehen, wenn ich die offizielle Bestätigung der Polizei erhalten hätte. Ansonsten würden sich die Daten eventuell überschneiden. Ob es denn sonst irgendwelche Probleme gäbe, fragte ich. Schließlich hätte ich gelesen, dass man ein bestimmtes Einkommen benötigen würde, um sich hier zu melden. Das sei in meinem Fall gar kein Problem. Abgesehen davon, dass ich genug verdienen würde, würde ich ja mit meinem Verlobten zusammen wohnen, der ja Finne sei und regelmäßiges Einkommen bezöge. Bäm! Da war es. Unsere romantische Beziehungsgeschichte war tatsächlich bei der finnischen Polizei auf Zustimmung gestoßen. Unglaublich! ❤ ❤ ❤ ❤

Auswandern nach Finnland: Die letzten Schritte bis zum legalen Wohnsitzstatus

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Hier befindet sich das Einwohnermeldeamt, maistraatti. Foto: http://s3-media2.fl.yelpcdn.com/bphoto/KOE4Dogu8b4yea7jrRLuZg/o.jpg

Immer noch schmunzelnd über die Tatsache, dass der finnische Staat offensichtlich im Einzelnen von Fall zu Fall entscheidet und bestimmt ganz viele Liebesgeschichten zu lesen bekommt, verließ ich die Polizeistation. Zuhause angekommen scannte ich direkt die noch fehlenden Dokumente ein und innerhalb weniger Tage kam dann endlich der offizielle Brief per Post, dass ich mich von nun an legal in Finnland aufhalten würde und eine Identifikationsnummer besäße. Juchuhhhhh! Der letzte Schritt – der Besuch beim maistraatti – war dann im Grunde nur noch eine Formalität. Ich musste ein weiteres Formular vor Ort ausfüllen, meine polizeiliche Bestätigung mit Identifikationsnummer vorlegen und bekam direkt ein ab sofort gültiges Formular ausgehändigt, das meinen legalen Status in Finnland belegte, bis mir auch der maistraatti die endgültige Entscheidung per Post zusandte. Mittlerweile habe ich übrigens herausgefunden, wofür ich die Entscheidung des maistraatti brauchte: Jeder mit einer gültigen und offiziell vom Einwohnermeldeamt bestätigten Adresse hat Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem in Finnland, das nicht Kela ist – ein wichtiger Punkt!

Im Endeffekt ist es, das kann ich jetzt sagen, vermutlich egal, ob man zuerst zur Polizei und dann zum maistraatti geht oder andersherum. Beide Behörden tauschen sich aus und man wird in beiden Fällen zentral erfasst. Soweit ich weiß, kann man einmal pro Jahr seinen Status beim maistraatti abrufen; jedes weitere Mal kostet dann eine Gebühr. Ab dem 1. Januar 2017 wird übrigens die Frage, zu welcher Behörde man zuerst gehen soll, sowieso wegfallen, denn wie auf der Homepage der Polizei zu lesen ist:

As of 1 January 2017, the police will no longer process applications relating to permits for foreigners. Duties currently processed by the police – residence permits, registration of EU citizens, applications for their family members‘ residence cards, aliens‘ passports, refugee travel documents and nationality matters – will be handled by 1 January 2017 by the Finnish Immigration Service. For additional information, go to http://www.migri.fi/residence_permits/migri_to_handle_permits

Alle Dokumente von Arbeitsvertrag bis Gehaltsabrechnung habe ich bis heute nicht offiziell ins Englische übersetzen lassen. Man sollte entsprechend wichtige Stellen (Auskunft über Gehalt und Stunden/Woche) markieren. Ich habe aber immer zusätzlich gefragt, ob das deutsche Dokument ausreichend sei, mit der Bereitschaft, die Übersetzung ins Englische vorzunehmen. Zumindest bei mir hat das immer funktioniert und überhaupt verlief der erste Kontakt mit den finnischen Behörden ohne Probleme ab. Dass ich mich hier so willkommen und eigentlich gar nicht fremd fühlte, mag auch daran gelegen haben, dass sich die Behördenmitarbeiter bei beiden Malen  mit den Worten „Welcome to Finland“ von mir verabschiedet hatten.