Es sind auf den Tag genau tatsächlich schon sechs Monate und drei Tage, die ich in Helsinki wohne. Wahnsinn! Wo ist die Zeit geblieben? Jetzt sitze ich gerade vor meinem Laptop mit einer Tasse Tee. Draußen ist es grau und kalt, die Bäume haben ihre Blätter verloren und ich warte sehnsüchtig auf den ersten Schnee, der für allerspätestens morgen angekündigt ist. Ich gebe zu: Ich bin melancholisch! Schon seit ein paar Tagen merke ich, dass ich viel nachdenke, nicht so richtig in Schwung komme und auf Vieles sensibler als sonst reagiere. Es mag natürlich am November und der eigenartigen Stimmung während des Übergangs vom Herbst zum Winter liegen, doch andererseits: 2016 war ein ereignisreiches Jahr und richtig viel Zeit zum Luftholen und Zurückblicken war nicht geblieben.

Alltag in Finnland: Mit einem Mal ist alles anders

So viel hat sich in diesem Jahr verändert. Ich bin nicht nur einfach so umgezogen, sondern habe ein komplett neues Leben in einem neuen Land angefangen. Ich vermisse meine Familie, besonders an Wochenenden, wenn ich mir vorstelle, wie alle zusammen am Frühstückstisch sitzen und ich über 1000 Kilometer entfernt in einem fremden Land wohne. Deutschland allerdings vermisse ich gar nicht und noch nie kam mir der Gedanke, dass ich eine falsche Entscheidung getroffen habe. Diese meine Achterbahn der Gefühle in Balance zu bringen finde ich momentan extrem herausfordernd – für mich, aber auch für meinen <3-Finnen, der manchmal einfach hilf- und ratlos ist, wenn ich in Tränen aufgelöst vor ihm stehe und nicht einmal erklären kann, warum ich gerade traurig bin.

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Foto: Geralt. Pixabay.com

Die zweite riesengroße Veränderung ist, dass ich meine Doktorarbeit loslassen muss. Sie liegt gerade bei meinem Lektor und im Dezember gebe ich sie endlich ab. Über sechs Jahre hat mich das Thema „Gerechtigkeit im späten Zarenreich“ begleitet. Das ist jetzt vorbei, die Arbeit ist so gut wie fertig. Ich fühle mich erleichtert und gleichzeitig irgendwie… leer und einsam. Das klingt verrückt, ist verrückt und doch kann ich es nicht anders beschreiben. Ein großer Teil, der mein Leben in den letzten Jahren ausgemacht hat, ist jetzt verschwunden. Auch die formalen Dinge, die im Zuge einer Auswanderung anstehen, sind im Grunde jetzt abgeschlossen. Ich brauche keine Behördengänge mehr zu machen, mich nicht mehr ins EU-Recht einlesen und überlegen, was ich noch dringend erledigen muss. Ich lebe jetzt mit meinem <3-Finnen zusammen. Darauf haben wir drei Jahre lang hingearbeitet und es war keine leichte Zeit. Fernbeziehungen sind anstrengend, zehren an den Nerven und der Energie. Auch darüber muss ich mir aber nun keine Gedanken mehr machen.

Alltag in Finnland: Kann es sein, dass ich angekommen bin?

Sicher, es gibt all die Kleinigkeiten, die jetzt anstehen: die Jobsuche, die Lebensaufgabe, Finnisch zu lernen, eine größere Wohnung zu finden…, – doch all das zähle ich zu Dingen des normalen Alltags. Das große Ganze aber hat sich innerhalb des letzten halben Jahres so sehr verändert und ganz viele Sorgen, Fragen und Zukunftspläne haben sich erfüllt und/oder sind einfach verschwunden, dass ich mich gerade ehrlich gesagt ein wenig verloren fühle. Über Jahre gaben mir die Gedanken an das, was irgendwann mal sein wird, Sicherheit und irgendwie einen konkreten Sinn im Leben. Und jetzt? Ich habe das Gefühl, ich muss mich neu auf die Suche begeben nach dem, was jetzt nach der großen Veränderung kommt.

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Foto: Geralt. Pixaby.com

2016, das erkenne ich jetzt, stellte mich vor eine Gabelung in meinem Leben. Wie soll es weitergehen? Was will ich? Mit dem Umzug nach Finnland habe ich einen Weg gewählt, wenn auch einen ungewissen. Macht mir das Angst? Auf jeden Fall! Bin ich bereit? Definitiv! Wenn ich eines gelernt habe in den letzten Monaten, dann, dass man es selber in der Hand hat, wie seine Zukunft aussehen kann. Sicher, es gibt Dinge, die man nicht beeinflusst. Doch das große Ganze kann man wählen und es ist ein gutes Gefühl, selbst zu bestimmen, wohin es gehen soll. Mehr als jemals zuvor habe ich das Gefühl, endlich erwachsen zu sein.

Was jetzt kommt? Warten wir es ab 🙂 Ich freue mich auf die Zukunft, auf das Erwachsensein und ich bin unendlich froh, dass mein <3-Finne bei diesem Abenteuer dabei ist, denn manchmal kann dieses neue Leben auch ziemlich einschüchternd sein.