Das wohl Beängstigenste und Komplizierteste am Auswandern ist für viele die Jobsuche im neuen Heimatland. Ohne Zweifel war das auch für mich eines der größten Fragezeichen, bevor ich den Schritt hierher gewagt habe. Denn ist es schon in Deutschland teilweise schwierig, trotz guter Ausbildung eine (Fest-)Anstellung zu finden, kommen mit der Auswanderung so einige zusätzliche Hürden hinzu. Welche das sind und wie man trotz allem überlebt, möchte ich euch anhand meiner ganz persönlichen Erfahrungen in diesem Artikel erzählen.

Ich bin Historikerin, habe mich bewusst für dieses Studium und die damit höchstwahrscheinlichen Schwierigkeiten entschieden, überhaupt jemals einen Job zu finden 🙂 Wenn wir mal das Taxifahren, dass den Historikern ja immer ans Herz gelegt wird, außen vor lassen (obwohl ich Autofahren wirklich sehr liebe), eröffnet sich ein recht großer Bereich auf dem Arbeitsmarkt, in dem Menschen wie ich einen erfüllenden Job (mit der entsprechenden Bezahlung) finden können. Erst kürzlich habe ich diesen tollen Artikel mit einer Übersicht der Branchen gefunden, in denen Historiker generell tätig sind.

Auswandern nach Finnland: Flexibilität und Offenheit

Die Zauberworte heißen „Flexibilität und Offenheit“. Mit den Jahren des Studiums wurde das zu meinem Credo und es spiegelt sich in meinem Lebenslauf wider: Von Jobs an der Kasse im Supermarkt und Baumarkt, über Altenpflege und Bibliotheksarbeit bis hin zu meiner Leidenschaft, dem Schreiben als (Online-)Journalistin, habe ich alles mitgenommen, was geht. Warum war mir das so wichtig? Ich wollte nicht zu den Historikern gehören, die in ihrem sprichwörtlichen Elfenbeinturm sitzen und vom tatsächlichen Leben keine Ahnung haben. Habe ich zu Beginn meines Studiums noch eine Karriere an der Universität angestrebt, hat sich meine Haltung dazu über die Jahre ziemlich in das komplette Gegenteil verändert. Das liegt zu einem großen Anteil daran, dass ich der Meinung bin, dass die Universität mittlerweile kein guter Arbeitgeber mehr ist. Sicherlich ist das fächerabhängig, doch aus meiner ganz persönlichen Erfahrung heraus kann ich sagen: Ich will ordentlich bezahlt werden für die Arbeit, die ich tue, ich will nicht auf die (finanzielle) Gnade befristeter Projekte angewiesen sein und vor allem möchte ich mein Leben ein wenig planen können (was eine zumindest über mehrere Jahre erlaubte Möglichkeit, an einem Ort zu verweilen, voraussetzt), und sei es nur, weil ich eine Familie und ein richtiges Zuhause gründen möchte.

Mein Studium war meine Leidenschaft, keine Frage, und die Jahre möchte ich niemals missen! Doch mit der Zeit habe ich mein Studium eher als mein Handwerkszeug erkannt, die Welt ein bisschen besser zu verstehen, Ursprünge zu erkennen, Zusammenhänge zu recherchieren und die Realität zu erklären. Was liegt da jetzt näher als der Wunsch, endlich praktisch tätig zu werden? Mit meinem Doktortitel habe ich kürzlich meinen ganz persönlichen Abschluss meiner Ausbildung erreicht und damit einen Punkt in meinem Leben, mich frei von universitären Strukturen neu zu orientieren. Was will ich? Wo will ich arbeiten? Wie will ich arbeiten? Was macht mir Spaß? Mit der Auswanderung nach Finnland öffnen sich derzeit viele neue Möglichkeiten, die es in der nächsten Zeit zu entdecken gilt.

Auswandern nach Finnland: Links für Auswanderungswillige und Immigranten

Erste Anlaufstellen für jemanden, der frisch in Finnland eingetroffen ist und sich auf Jobsuche begibt, sind die vielen NGOs und internationalen Organisationen, die sich mit der Integration von Ausländern beschäftigen. Zu nennen sind zum Beispiel Folgende:

Luckan Integration (Finnish-Swedish information and cultural center): Simonsgatan 8 in Helsinki, E-Mail: info@luckan.fi

CIMO (Finnish National Board of Education and Centre for International Mobility): Hakaniemenranta 6 in Helsinki, Telefon: +358 295 331 100

Moniheli Ry (Network of multicultural associations): Hermannin rantatie 12 B, 4. krs (Etage) in Helsinki, E-Mail: s. Chat und Kontaktformular auf der Homepage

Helsingin NMKY (Finnisches Pendant zu CVJM in Deutschland): Kaisaniemenkatu 10, 8.krs (Etage) in Helsinki, E-Mail: vorname.nachname@nmky.fi

SIMHE Metropolia University of Applied Science (Counselling and guidance service for highly educated immigrants): Bulevardi 31 in Helsinki, E-Mail: simhe-info@metropolia.fi

Punainen Risti (Rotes Kreuz)

International Jobseekers in Helsinki

EURES (The European Jobs Network)

MeetUp Helsinki

Ganz klassisch gibt es dann natürlich auch noch den Service des finnischen Arbeitsamtes und der Infoseiten für Immigranten:

Finnische Arbeitsagentur 

Infopankki

EU-Immigration (allgemein)

Moving to Finland

Virka

netzwerken
„Networking“ ist wichtig, denn viele Jobs findet man nur über den hidden job market. Foto: http://www.pixabay.com

Es ist übrigens durchaus empfehlenswert, sich bei der Arbeitsagentur seines Heimatlandes nach finanzieller Unterstützung zu erkundigen. Mittlerweile gibt es eine Reihe an Möglichkeiten, die sich Auswanderungswillige vor dem Umzug anschauen sollten. Die erste Anlaufstelle (zumindest für den Raum NRW) ist die ZAV (Zentrale Auslands- und Fachvermittlung).

Vielleicht mehr noch als in Deutschland gilt aber in Finnland das Prinzip des Netzwerkens. Deswegen die Empfehlung von mir: Legt euch, wenn ihr es noch nicht getan habt, ein LinkedIn-Konto an (ihr dürft mich auch gerne zu euren Kontakten hinzufügen 😉 ) und vernetzt euch, so gut es geht. Oft zählt für einen finnischen Arbeitgeber eher die persönliche Empfehlung über dich als dein tatsächlicher Abschluss. Meiner Meinung nach wird in Finnland generell sehr viel mehr Wert auf die Persönlichkeit und die sogenannten „soft skills“ gelegt als in Deutschland. Scheu‘ dich also nicht, ein bisschen mehr von dir ganz persönlich preis zu geben, wenn du dich irgendwo vorstellst. Finnische Unternehmen möchten keine Maschine einstellen, sondern eine Person, die ins Team und zum Arbeitsklima passt. Ehrlichkeit ist dabei das oberste Prinzip!

Hierarchien hier in Finnland sehr viel flacher und meistens duzt man sich – ja, auch den Chef! Neben der eigentlichen Arbeit geht man häufig zusammen ein „Feierabendbierchen“ trinken oder man stößt mit den Arbeitskollegen auf den Erfolg der Woche an. Auch gemeinsame Frühstückszeiten, in denen die Aufgaben der nächsten Tage besprochen werden, sind nicht selten. Vielleicht hat der ein oder andere sogar schon von den berühmt-berüchtigten pikkujoulut gehört, übersetzt so viel wie „Betriebsweihnachtsfeiern“.

Zieht man in ein neues Land, gibt es einige Hürden bei der Jobsuche. Ich habe festgestellt, dass es weniger die Sprache ist, die zum Problem wird als vielmehr die Tatsache, dass man in ein fremdes Land kommt, ohne die Strukturen tatsächlich zu kennen oder eine Idee zu haben, welche Unternehmen es hier gibt, die in einem ganz bestimmten Bereich tätig sind. Das schlichte Wissen um Markenzeichen, Farben und Symbole, die man in Deutschland automatisch mit einer bestimmten Branche oder Firma verbindet, fehlt mir hier komplett. Zu der eigentlichen Jobsuche kommt daher also auch die Recherche, welche Unternehmen wo und wie tätig sind. Der Zugang zu dem viel beschworenen hidden job market wird dadurch ziemlich mühselig, womit wir wieder bei dem Stichwort „Netzwerk“ sind 🙂 Bleibt im Gespräch, mit anderen Auswanderern, aber auch mit den Einheimischen, die, stellt man die richtigen Fragen, einige wertvolle Tipps parat haben.

Übrigens: Ich möchte die finnische Sprache hier nicht vergessen! Natürlich ist es mit der Zeit wichtig und sinnvoll, Finnisch zu lernen. Mal ganz abgesehen davon, dass man meiner Meinung nach erst über die Sprache eine Kultur richtig begreift, fühlt man sich vielleicht manchmal trotz aller Internationalität des Unternehmens und der Integration und der Freunde, die man am Arbeitsplatz gefunden hat, als Außenseiter. Das liegt in der Natur der Sache. Wir alle wissen, es ist oftmals einfacher und schneller, sich miteinander in der Muttersprache zu verständigen. Das kann für einen selber schnell frustrierend werden, doch lasst euch nicht entmutigen! Seht es als Anreiz, der finnischen Sprache eine Chance zu geben 🙂 Abgesehen davon aber bin ich zudem der festen Überzeugung, dass man fehlende Sprachkenntnisse im Finnischen nicht als eigene Schwäche auslegen sollte. Vielmehr sollte man auf das aufmerksam machen, was man als Portfolio mitbringt. Ich spreche und schreibe fließend Deutsch 🙂 Das ist meine Stärke und damit werde ich meinen Weg finden!

geduld
Geduld ist eine der wichtigsten Eigenschaften bei der Jobsuche – im In-und Ausland. Foto: http://www.pixabay.com

Zu guter Letzt ein Tipp von mir: Wenn Auswandern eurer Herzenswunsch ist, dann geht diesen Schritt! Auch, wenn es anfangs oftmals schwer ist und man das Gefühl hat, den nächsten Monat nicht zu überleben – es tun sich neue Wege auf und es gibt neue Chancen, die sich bieten werden. Sucht nicht die typischen „deutschen“ Aushilfsjobs, um über die Runden zu kommen, denn der Zugang dazu verschließt sich tatsächlich meist aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse. Taxifahrer müssen Finnisch sprechen und Verstehen können ebenso wie die Kassiererinnen und Kassierer im Supermarkt. Versteift euch nicht auf ein bestimmtes Berufsbild, sondern bleibt flexibel, sucht in Sparten, die euch vorher gar nicht in den Sinn gekommen sind, plant, so gut es geht, habt einen Plan B und informiert euch, was das Zeug hält, – aber lasst euch nicht aufhalten.

Ich würde lügen, wenn ich sage, man braucht keine Geduld. Man braucht sogar sehr viel davon 😀 – und man braucht eine riesen Portion Motivation, um Durststrecken zu überwinden und sich selber trotz allem weiterhin zu schätzen. Aber: Das ist es wert! Es zwingt einen, sich weiter zu entwickeln, es zwingt einen, raus zu gehen und Kontakte zu knüpfen, es zwingt einen ganz oft, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und im Rückblick lässt es einen erkennen, wie viel man eigentlich doch geschafft hat!