Es braucht nicht lange in Finnland, um die mitunter sehr wilden Geschichten über die berühmt-berüchtigten Tallinn-Besuche zu hören. Das allerdings ist alles nur halb so spannend, wenn man die Reise nicht selbst einmal (oder mehrere Male) mitgemacht hat!

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Mein guter alter Freund in der Altstadt von Tallinn. Foto: A. Lenkewitz

2011 war mein erstes Mal 🙂 Gemeinsam mit einer deutschen Freundin, die hier gerade ihr Praktikum absolvierte, reiste ich per Schiff nach Tallinn, das ungefähr 80 Kilometer von Helsinki entfernt ist. Normalerweise fährt man vormittags gegen 11 Uhr los und kommt abends gegen 21 Uhr zurück. Teilweise bezahlt man für die Überfahrt gerade einmal 5 Euro, was den Ausflug ins estnische Nachbarland ziemlich attraktiv macht.

Schon am Hafen in Helsinki wurde uns bewusst, dass die geduldigen und sich in einer Reihe brav aufstellenden Finnen, die für jedes kleine bisschen eine Nummer ziehen, in Wirklichkeit gar nicht so brav sind – zumindest, wenn es um die Überfahrt nach Tallinn geht! Es war das allererste Mal, dass ich Finnen habe drängeln sehen – warum? Nun ja, das Bier auf den Schiffen ist bereits ein wenig günstiger als auf dem finnischen Festland 🙂 Dementsprechend groß ist die Partystimmung dann auch: Die Überfahrt nach Tallinn dauert ca. 2 1/2 Stunden, in denen traurig-herzzerreißende Karaoke gesungen und ein Bierchen (oder Lonkero) nach dem anderen konsumiert wird. Die meisten Finnen sind mit Koffern, Sackkarren und in einer großen Gruppe, wahlweise mit der Familie unterwegs – auf dem Rückweg sollte ich begreifen, warum.

Expeditionen in die Welt: Ankunft in Tallinn

In Tallinn angekommen, strömen die allermeisten Schiffsgäste zu dem im Hafengebiet gelegenen Einkaufszentrum. Bei meinen ersten Besuchen habe ich mich noch gewundert, warum dies so ist, bis ich herausgefunden habe, dass dort d e r Anlaufpunkt ist, um den Alkoholvorrat für die nächsten Wochen in Finnland aufzustocken. Ein bisschen glaube ich ja mittlerweile, dass die Tallinn-Touren so etwas wie ein Volkssport hier sind 🙂 Es gehört einfach irgendwie zur finnischen Kultur dazu! Bisher habe ich es bei meinen Tallinn-Touren immer bis in die wunderschöne und sehr empfehlenswerte Altstadt geschafft, wobei ich nicht ausschließe, irgendwann in Zukunft auch einfach mal nach Tallinn zu fahren, um Getränke, die über dem Alkoholgehalt von Bier liegen, einzukaufen. Gerade, wenn man Gäste einlädt, kann der Besuch bei Alko durchaus zu einem goldgespickten, diamantenen Vergnügen werden – dank der hohen Alkoholsteuer hier.

Tallinns Altstadt liegt etwa zehn Minuten vom Hafen entfernt und erinnert an eine der norddeutschen Hansestädte. Ich liebe Tallinn und würde auch jedes Mal, hätte ich die Wahl zwischen Stockholm und Estland, das Letztere wählen. Charme haben die mit Kopfstein gepflasterten kleinen Gässchen, die teilweise sehr alten, mit Fachwerk bedeckten Häuschen und das insgesamt mittelalterliche Flair der Stadt. Wusstet ihr übrigens, dass Tallinn von Taani-linn(a) abgeleitet wird, was so viel wie „Dänische Stadt“ oder „Dänische Burg“ heißt? Deutlich lässt sich auch die Zugehörigkeit Tallinns zur Hanse erkennen. Läuft man durch die Straßen, kann man an der einen oder anderen Stelle vertraute deutsche Worte lesen bzw. ableiten und viele Esten sprechen und verstehen Deutsch. Übrigens, wie in Finnland kann man in Estland mit Euro bezahlen 😉

Expeditionen in die Welt: Tallinn ist einen Besuch wert

Ein Ausflug nach Tallinn ist meines Erachtens zu jeder Jahreszeit empfehlenswert. Ich war im Sommer, zu Silvester, und mehrere Male im Frühjahr dort. Alleine der Besuch der tollen kleinen Restaurants rechtfertigt den Kurztrip jedes Mal, wobei die Kombi „einfach morgens aufs Schiff, 2 1/2 Stunden über die Ostsee, Aufenthalt in Estland, abends wieder zurück“ so ziemlich unschlagbar ist. Vielleicht hatte ich es an der ein oder anderen Stelle schon erwähnt: Die Finnen sind, was Reisen und „mal-eben-Besuche“ in die Nachbarländer Finnlands betrifft, sehr viel spontaner als der planvolle Deutsche an sich 🙂 Ich finde es auf jeden Fall toll und kann es nur jedem an Herz legen, Tallinn einmal zu besuchen. Es lohnt sich wirklich!

Ohh, und bevor ich es vergesse: Fährt man abends mit dem Schiff wieder zurück nach Helsinki, werden einem vertraute Gesichter der morgendlichen Hinreise begegnen – jetzt nur ein wenig beschwipster und bepackt mit Paletten an Bier, Lonkero und Wein. Die ganz Harten balancieren übrigens zusätzlich noch eine geöffnete Dose einschlägigen Getränks in der Hand 🙂

Hier gibt´s jetzt ein paar Fotos, die ich bei dem Aufenthalt in Tallinn 2011 gemacht habe (die Ostsee war damals übrigens komplett zugefroren, obwohl es schon März war):