… eigentlich sollte ich meine Doktorarbeit für den Druck vorbereiten, Fußnoten überprüfen und einige Überarbeitungen vornehmen. Stattdessen verschwimmen die Buchstaben vor meinen Augen und ich kann keinen einzigen klaren Gedanken fassen. Liegt es daran, dass ich die Doktorarbeit so leid bin, dass ich das Dokument am liebsten nie wieder öffnen würde oder liegt es generell daran, dass ich im Moment mit der Motivation auf Kriegsfuß stehe?

Wie dem auch sei – mein momentaner Zustand hat mich mal wieder auf meinen Blog geführt und ich schreibe jetzt einfach, um das Tief in etwas Produktives umzuwandeln 🙂 Gestern Abend war ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder beim Finnischunterricht. Dieses Mal habe ich mich für eine weniger intensive (und günstigere) Variante entschieden. Der Unterricht findet, anders als an der Sommeruniversität, nur zweimal pro Woche für ca. je drei Stunden statt. Der Kurs ist mit 12 Teilnehmern angenehm klein. Ich habe wohlweislich ein Kurslevel gewählt, in dem ich das, was ich letztes Jahr gelernt habe, noch einmal wiederholen kann, das heißt: gleiches Buch, gleiche Aufgaben, andere Lehrerin. Erstens schadet es nichts und zweitens fühle ich mich nicht ganz so doof, sondern sehe, wie viel ich eigentlich schon verstehe und kann 🙂

Ich habe jetzt auch eine Lösung gefunden, wie ich mit meinem <3-Finnen Finnisch sprechen kann, ohne, dass er von meiner Langsamkeit überrascht ist und ohne, dass ich gestresst bin und sofort aufgebe, weil ich keinen geraden finnischen Satz herausbekomme: Zu Hause reden wir Englisch, aber unsere Chat-Gespräche sind ab jetzt in Finnisch (und zwar möglichst im gesprochenen Finnisch). Korrigiert werde ich nur, wenn ich etwas absolut Unverständliches schreibe 🙂 Die Idee kam gestern ganz spontan, als ich mich daran zurück erinnert habe, wie es mit uns und der englischen Sprache so anfing: Chat + Online-Wörterbuch + Google Translate 😀 Es dauerte vielleicht ein halbes Jahr, bis aus meinem Schulenglisch echtes Englisch wurde – Englisch, dass ich mich dann auch traute, mehr und mehr zu sprechen. Warum also sollten wir das gleiche nicht mit Finnisch probieren?

  1. Ich habe Zeit, Vokabeln nachzuschauen.
  2. Ich kann mir in Ruhe überlegen, wie ich am besten auf Finnisch antworte.
  3. Ich muss mir erst einmal keine Sorgen um meine Aussprache machen 🙂
  4. Je öfters ich das gleiche Wort nachschaue, umso mehr bleibt es hängen (denn: irgendwann nervt das Nachschauen und man zwingt sich, das Wort einfach mal zu behalten 😛 )
  5. Ich sehe die finnische Sprache in der Anwendung und kann Strukturen besser erkennen, als wenn sie einfach nur schnell gesprochen werden.

Bisher klappt es ganz gut, weil wir während des Tages relativ regelmäßig per Chat kommunizieren, mein <3-Finne unterstützt mich dabei und ich komme davon weg, meinen kompletten Alltag in Englisch (oder gar Deutsch) zu bestreiten. So erreichen wir vielleicht (wünschenswerterweise) irgendwann den Punkt, auch im realen Alltag Finnisch zu benutzen – zumindest stundenweise. Ich habe mir vorgenommen, spätestens im nächsten Jahr den YKI-Test zu machen, um finnischen Arbeitgebern zu zeigen, dass ich mich auf Finnisch verständigen kann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es dann auch mit der Vollzeit-Jobsuche einfacher wird.

Ab nächster Woche nehme ich übrigens an einem Mentoring-Programm für hochqualifizierte, Arbeit suchende Menschen teil. Für sechs Monate wird einem ein Mentor zur Seite gestellt, der helfen soll, sich auf dem finnischen Arbeitsmarkt zu vernetzen, der neue Ideen gibt, von seinen eigenen Erfahrungen berichtet und Kontakte herstellt. Das Ganze wird von Moniheli Ry organisiert. Es gibt Lebenslauf- und LinkedIn-Workshops (von denen ich bereits gefühlte 1000 bestritten habe, aber was soll’s…) und man trifft sich mit seinem Mentor idealerweise zweimal im Monat. Ich bin gespannt, ob und was es bringen wird 🙂 Zumindest sitze ich so nicht nur zu Hause rum und sende ohnehin wenig erfolgreiche Bewerbungen, sondern ich lerne neue Leute kennen, erhalte vielleicht neue Ideen und Einblicke in den finnischen Arbeitsmarkt und das Wichtigste: Ich bleibe aktiv!

So, jetzt habe ich Hunger, meine Motivation ist immer noch nicht da, aber zumindest weiß ich, dass ich keine Probleme habe, (lange) Texte zu verfassen 🙂

Da es ja alles nichts hilft: Chakaaa, zwei Punkte von der Doktorarbeit werde ich heute abarbeiten und ich weiß, dass ich mich heute Abend besser fühlen werde!

In diesem Sinne: „Sei stärker als deine stärkste Ausrede!“