Die Sonne scheint. Es ist wirklich ungewöhnlich warm für finnische Verhältnisse und wenn ich ehrlich bin, träume ich schon seit ein paar Wochen von einem riesigen Schneeberg, in dem ich mich wälzen und mich endlich abkühlen könnte. Ich sitze gerade auf unserem Balkon. Die Abendsonne scheint mir ins Gesicht, mein <3-Finne sitzt in der Wohnung am Laptop und arbeitet und ich stelle fest: Ich habe Zeit – Zeit, um euch allen endlich ein Update der letzten Monate zu geben.

Ich muss gestehen, ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich meinen Blog so unglaublich vernachlässigt habe. Aber entweder, es fehlte die Energie oder Motivation, etwas zu schreiben oder es fehlte einfach die Zeit! Zudem ist die spannende Zeit des Sightseeings mittlerweile so ziemlich vorbei. Der Alltag holt am Ende jeden Auswanderer irgendwann einmal ein, richtig? 🙂 Allerdings bedeutet das nicht, dass mein Leben wirklich langweilig geworden ist. Ganz im Gegenteil!

In einem meiner letzten Einträge (hier) hatte ich euch von der Organisation Nicehearts ry erzählt und dass ich dort ein oppisopimus-Training beginne. Ich kann euch gar nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin, diese Chance bekommen zu haben und wie viel Spass die Arbeit macht! Und wisst ihr, was das Allerbeste ist? Seit Juli arbeite ich nicht mehr nur 25 Stunden die Wochen, sondern Nicehearts hat mir eine Vollzeitstelle angeboten – befristet zwar, aber hey: Was nicht ist, wird werden 😉

Ich fühle mich unglaublich wohl in meinem Team, ich arbeite weitestgehend unabhängig, mein Supervisor vertraut mir und das Tollste ist: Ich kann kreativ sein, netzwerken und mein Wissen endlich, endlich anwenden. Meistens arbeite ich von einem Café aus oder ich treffe Menschen in der Bibliothek oder bei Events in Helsinki. Oft bin ich mit Frauen zusammen, die Unterstützung benötigen, sei es im Bereich Social Media oder im Bereich der Jobsuche und des Netzwerkens. Dabei kooperiere ich sehr häufig mit anderen NGOs, sodass ich mittlerweile ein ziemlich grosses soziales Netzwerk in Helsinki und Umgebung besitze mit Menschen, die mich tatsächlich kennen und meinen Namen mit meinem Gesicht verbinden. Selten arbeite ich tatsächlich vom Büro aus. So sind die Arbeitstage meist sehr abwechslungsreich, ich liebe die Flexibilität und bisher hatte ich nicht einmal das Gefühl, dass ich wirklich arbeite, selbst wenn die Tage mal länger werden 🙂 Vielmehr habe ich mir angewöhnt, von meiner „Leidenschaft“ zu sprechen, wenn ich über Nicehearts und unser Projekte rede. Hier findet ihr übrigens ein Interview, das ich einer Bloggerin aus Helsinki über die Arbeit bei Nicehearts und über unser Projekt „Naapuriäidit/Neighbourhood Mothers“ gegeben habe.

Vieles bei der Arbeit läuft immer noch auf Englisch – das geht einfach schneller. Aber mittlerweile kann ich (mit genügend Vorbereitung) auf Finnisch referieren und Vorträge halten und mindestens zweimal wurde ich im letzten halben Jahr bereits eingeladen, an öffentlichen Diskussionen teilzunehmen, wo auf Finnisch diskutiert wurde 🙂 Nicht zuletzt konnte ich so weit durch die unglaubliche Unterstützung meiner Arbeitskollegen kommen, die mich täglich darin bestärken, Finnisch zu sprechen, die Texte und Vorträge auf Finnisch mit mir ausarbeiten und das Sprechen üben ❤ So kann ich mit Stolz behaupten, dass ich mein erstes Examen im Rahmen des oppisopimus-Training mit „Sehr gut“ bestanden habe – YES! Die Praxisübung (ich habe ein zweimonatiges komplettes Training zur Ausbildung von Stadtteilmüttern beworben, organisiert und durchgeführt) machte mir dabei weitaus weniger Sorgen als das einstündige theoretische Gespräch zu meiner Arbeit, das komplett in Finnisch geführt wurde. Im Nachhinein war ich selber mehr als überrascht, dass ich ohne wesentliche Probleme eine Stunde auf Finnisch reden konnte 😀

Ich glaube, ich persönlich habe mich durch die Arbeit bei Nicehearts weiterentwickelt – in meiner Wahrnehmung als Frau (man kommt da nicht wirklich drum herum, wenn man für eine Organisation arbeitet, die ausschliesslich von und für Frauen geführt wird) und in meiner Wahrnehmung, was es bedeutet, nicht nur auf dem Papier kulturell offen zu sein, sondern dies zu leben und zu praktizieren. Manchmal komme ich an meine Grenzen, wenn Frauen über Kriegserlebnisse, Vergewaltigungen oder Flucht sprechen, über häusliche Gewalt, gewalttätige Partner oder Diskriminierung. Oft bin ich nicht auf diese Gespräche vorbereitet, weil ich einfach nicht damit rechne, dass jemand diese Erlebnisse mit einer fremden Person teilt. Ich komme an meine Grenzen, wenn verschleierte Frauen offensichtlich Hilfe benötigen, es ihnen aber aufgrund ihrer Religion verboten ist, mit uns zu sprechen. Ich lerne jeden Tag, mit welchen Privilegien wir hier in Europa aufwachsen und wie dankbar wir sein sollten, uns frei bewegen zu können. Ich lerne jeden Tag, dass es Frauen gibt, die so viel Angst vor Männern haben, dass sie nicht gemeinsam mit diesen in einem Raum sein können. Und ich lerne jeden Tag, dass so viele Frauen so unglaublich stark sind und trotz offensichtlicher Benachteiligung und Unterdrückung eine Stärke gefunden haben, die einfach berührend und ansteckend ist.

Falls ihr mögt, schaut euch doch unser englisches Online-Magazin mit den Events unserer Stadtteilmütter aus 2017 an. Es ist nur ein kleiner Eindruch, aber immerhin 🙂

Ich hoffe sehr, dass ich ab jetzt wieder ein wenig mehr Energie zum Blogschreiben habe, umso mehr, da mein <3-Finne und ich versuchen, die Umgebung und countryside von Helsinki zu besuchen 🙂