Heimweh ist die Sehnsucht in der Fremde, wieder in der Heimat zu sein. (…)  im Erwachsenenalter tritt Heimweh auf, wenn der Einzelne sich (‚in der großen Stadt‘, ‚unter lauter Fremden‘ usw.) vereinsamt fühlt, zumal in psychischen Krisen. Der Verlust vertrauter Umgebung wird als sehr schmerzhaft empfunden, der Betroffene sucht eine Besserung durch die Rückkehr in seine als sicher empfundene Heimat.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heimweh

Anfang des Jahres passierte es: Ich wurde von Heimweh übermannt – urplötzlich und mit voller Wucht! Nicht im mindesten hatte ich zu diesem Zeitpunkt mit derartigen Gefühlen gerechnet. Ich bin glücklich in Finnland, meine Beziehung zu meinem <3-Finnen ist toll und beruflich hatte ich gerade einen Arbeitsvertrag für die kommenden drei Jahre unterschrieben. Warum also das Heimweh?

Theoretisch wusste ich, dass dieser Heimweh-Moment irgendwann kommen würde und durch meine Arbeit war mir bekannt, dass Integration in Wellen verläuft und Heimweh durchaus auch noch nach Jahren aufflammen kann. Praktisch allerdings half mir dieses Wissen nicht. Ich vermisste meine Eltern, meine beste Freundin, deutsches Frühstück, das Einkaufen in Deutschland, die Sprache und das „sich einfach gegenseitig verstehen“. Ich fühlte mich hundeelend. Nichts half! Mein <3-Finne versuchte, mich zu trösten, aber ich konnte meine Gefühle weder in Worte fassen, noch konnte ich erklären, was genau ich vermisste und/oder was wir hier bei uns zu Hause anders machen könnten, um das Heimweh zu verbannen. Zumal solche Gefühle für Außenstehende, die niemals in der Situation eines Auswanderers waren, schwer nachzuvollziehen sind. Es sind so viele kleine Dinge, die das Leben in der Wahlheimat beeinflussen: Die Sprache ist sicherlich ein riesiger Punkt! Ich spreche mittlerweile relativ überlebensfähiges Finnisch und Englisch fließend. Ich kann Witze auf Englisch erzählen, sarkastisch oder wütend sein. Doch nichts von alledem ersetzt die deutsche Sprache, in Deutschland bekannte Wortspiele, Abkürzungen oder Schimpfwörter. Ein anderer Punkt sind ganz alltägliche Dinge, von denen ich mittlerweile weiß, wie sie funktionieren, wo ich aber oft das Gefühl habe, mindestens die Hälfte an Schnäppchen, Angeboten, Updates, Kundeninformationen etc. zu verpassen, da ich dafür doch immer noch zu wenig Finnisch spreche. Ich habe seit Monaten keine Beamten mehr gesehen oder gesprochen, da hier alles online passiert: Steuererklärung? Online. Probleme mit dem Nachbarn? Online. Arbeitslosengeld und andere Sozialleistungen beantragen? Online. Rezepte vom Arzt verlängern? Online oder per SMS. Klar! Das erleichtert sehr viele Dinge. Es bedeutet aber auch, dass alles das, was von Schema F abweicht, zu Komplikationen führt. Dinge, die man in Deutschland persönlich mit dem Mitarbeiter seines Vertrauens besprechen und dann eine Lösung finden würde, gibt es hier selten. Und habt ihr euch schon mal überlegt, wie sehr man das Getratsche und Neuigkeiten im Bus vermissen kann, wenn man die Sprache nicht versteht? Man fühlt sich ziemlich abgeschnitten von der Welt!

Es fiel mir nach den Weihnachtsferien, die wir in Deutschland verbracht hatten, also unglaublich schwer, mich wieder in Finnland einzugewöhnen. Die Kulturen sind so gleich und doch so unterschiedlich: Man kann sich auf Vieles vorbereiten, vielen Eventualitäten entgegenwirken. Doch einige Dinge (oder besser: Gefühle)  kann man einfach nicht beeinflussen. Selbst wenn man vorher theoretisch weiß, dass es einen Zeitpunkt mit Heimweh geben wird, trifft es einen völlig überraschend und in einem Moment, in dem alles gut läuft – so war es zumindest bei mir!

Im Internet gibt es unzählige Seiten, auf denen man Tipps gegen Heimweh bekommen kann. „Neue Freunde finden“, „die neue Umgebung erkunden“, „nach Deutschland telefonieren“, „deutsches Essen kochen“… Viele dieser Tipps hatte ich vorher gelesen und sogar befolgt. Ich habe mir hier mittlerweile ein großes Netzwerk an Bekannten aufgebaut, Helsinki und Umgebung sind mir so vertraut wie es eben nach fast drei Jahren sein kann, ich lebe hier aktiv und gehe aus dem Haus und ich habe eine Arbeit. Trotz allem überkam mich das Heimweh!

Das Einzige, was mir in diesem Moment half, war, mich dem Gefühl hinzugeben. Ich hatte nicht das mindeste Interesse, Leute zu treffen, auszugehen und mich abzulenken. In diesem Moment wollte ich traurig sein. Ich wollte mich verkriechen, traurige Musik hören und heulen. Ich glaube, Heimweh ist ein wichtiger Prozess, den man durchmachen muss, sei er auch noch so schmerzhaft. Man setzt sich mit sich auseinander, reflektiert, was war und ist und auswandern hin oder her – man darf ganz legal traurig sein, denn schließlich hat man viele Dinge zurückgelassen und sich von lieben Menschen getrennt, um in einem anderen Land neue Herausforderungen anzunehmen. Das Schwierigste für mich ist immer, wenn Leute sagen „Ja, aber du wolltest doch weg und in einem anderen Land leben. Du hast kein Recht traurig zu sein!“. Vielleicht haben diese Menschen irgendwo Recht. Ein Teil in mir glaubt das auch. Es macht es umso schwieriger, denn dann kommen hin und wieder auch die Schuldgefühle hoch, Deutschland aus egoistischen Stücken verlassen zu haben. Andererseits finde ich, dass auch ich jedes Recht dazu habe, Verlorenes zu betrauern, denn ich weiß, es gab gute Gründe, dass ich Deutschland den Rücken gekehrt habe.

Die ganze Heimweh-Sache hatte allerdings auch gute Seiten. Mir ist bewusst geworden, dass ich mich mehr mit „Deutsch“ umgeben sollte. Vielleicht habe ich in letzter Zeit meine eigene Kultur zugunsten der multikulturellen Kultur ein wenig aus den Augen verloren. Und vielleicht ist es nun an der Zeit, sich wieder ein bisschen mehr auf mich selber zu konzentrieren, Dinge auszubalancieren und zu re-organisieren.